Geschichten

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Der schwarze und der weiße Wolf…

„Eine alte Indianerweisheit“

Schweigend saß der Cherokee Großvater mit seinem Enkel am Lagerfeuer und schaute nachdenklich in die Flammen. Die Bäume um sie herum warfen schaurige Schatten, das Feuer knackte und die Flammen loderten in den Himmel.

Nach einer gewissen Zeit meinte der Großvater: „Flammenlicht und die Dunkelheit, wie die zwei Wölfe, die in unseren Herzen wohnen“.

Fragend schaute ihn der Enkel an.

Daraufhin begann der alte Cherokee seinem Enkel eine sehr alte Stammesgeschichte von einen weißen und einem schwarzen Wolf zu erzählen.

„In jedem von uns lebt ein weißer und ein schwarzer Wolf. Der weiße Wolf verkörpert alles was gut, der Schwarze, alles was schlecht in uns ist. Der weiße Wolf lebt von Gerechtigkeit und Frieden, der Schwarze von Wut, Angst und Hass.

Zwischen beiden Wölfen findet ein ewiger Kampf statt, denn der schwarze Wolf ist böse – er steht für das Negative in uns wie Zorn, Neid, Trauer, Angst, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Schuld, Groll, Minderwertigkeit, Lüge, falscher Stolz und vieles mehr. 

Der andere, der weiße Wolf ist gut – er ist Freude, Friede, Liebe, Hoffnung, Freundlichkeit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Wahrheit und all das Lichte in uns.

Dieser Kampf zwischen den beiden findet auch in dir und in jeder anderen Person statt, denn wir haben alle diese beiden Wölfe in uns.“

Der Enkel dachte kurz darüber nach und dann fragte er seinen Großvater,
 „Und welcher Wolf gewinnt?“

Der alte Cherokee antwortete: „Der, den du fütterst.

 Nur bedenke, wenn du nur den weißen Wolf fütterst, wird der Schwarze hinter jeder Ecke lauern, auf dich warten und wenn du abgelenkt oder schwach bist wird er auf dich zuspringen, um die Aufmerksamkeit zu bekommen die er braucht.

 Je weniger Aufmerksamkeit er bekommt, umso stärker wird er den weißen Wolf bekämpfen. Aber wenn du ihn beachtest, ist er glücklich. Damit ist auch der weiße Wolf glücklich und alle beide gewinnen.“

Das ist die große Herausforderung eines jeden von uns… das innere Gleichgewicht herzustellen.

Denn der schwarze Wolf hat auch viele wertvolle Qualitäten – dazu gehören Beharrlichkeit, Mut, Furchtlosigkeit, Willensstärke und großes intutives Gespür, Aspekte, die Du brauchst in Zeiten, wo der weiße Wolf nicht weiter weiß, denn er hat auch seine Schwächen.

Du siehst, der weiße Wolf braucht den schwarzen Wolf an seiner Seite. Beide gehören zusammen. Fütterst du nur einen, verhungert der andere und wird unkontrollierbar. Wenn du beide fütterst und pflegst wird es ihnen gut tun und ein Teil von etwas Größerem, das in Harmonie wachsen kann. 

Füttere beide und du musst deine Aufmerksamkeit nicht auf den inneren Kampf verwenden müssen. Und wenn es keinen inneren Kampf gibt, kann man die innere Stimme, der alles wissenden Führer hören, die dir in jeder Situation den richtigen Weg deutet.

Frieden, mein Sohn, ist die Mission der Cherokee, ist das Leben. Ein Mann, der den schwarzen und weißen Wolf in Frieden in sich hat, der hat alles. 

Ein Mann, der in seinen inneren Krieg gezogen wird, der hat nichts. Dein Leben wird davon bestimmt, wie du mit deinen gegnerischen Kräften umgehst. Lass nicht den einen oder anderen verhungern, füttere sie beide und beide gewinnen.“

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Der Schatz am Rande des Regenbogens

Es war einmal ein alter Mann. Der lebte ganz allein im Wald in einer kleinen Hütte und wahr sehr, sehr unglücklich. Jeden Tag saß er auf einer Bank vor seinem Häuschen und starrte vor sich hin. Erhörte nicht wie die Vögel sangen, er spürte den Wind nicht, der mit den Blättern der Bäume spielte, er fühlte nicht die Sonnenstrahlen auf seiner Haut, er roch den würzigen Tannenduft nicht, und er sah nicht, wie die Tiere des Waldes immer wieder zutraulich herankamen.

Er hielt den lieben langen Tag den Kopf gesenkt und dachte nach. Seine Gedanken kreisten immer nur um eine Sache. Warum, so fragte er sich wieder und wieder, warum nur war die Prophezeiung der schönen Fee nicht in Erfüllung gegangen? Dabei war der Fall doch ganz klar. Seine Mutter hatte ihm die Geschichte oft erzählt. Damals, als er vor vielen Jahren in dem tausend Jahre alten Wasserschloss, in der Mitte des Waldsees geboren wurde, damals, genau eine Stunde nach der Geburt, hatte plötzlich eine Fee an seiner Wiege gestanden.

Sie hatte wunderschöne lange Haare, erinnerte sich seine Mutter. Fein und schimmernd wie Spinnweben, auf die die Sonne scheint. Und sie hatte ein Lächeln auf den Lippen, das jeden, ob Mann oder Frau, dahinschmelzen ließ. Was die Fee dann gesagt hatte, das hat sich der Mann genau gemerkt, zu oft hatte es ihm seine Mutter, die nun natürlich längst gestorben war, wiederholen müssen. Am Ende des Regenbogens liegt ein großer Schatz für dich. Genau diese Worte hatte die Fee zu dem Säugling gesprochen. Dann war sie verschwunden.

Kaum war er alt genug, hatte der Mann auf der ganzen Welt nach diesem Schatz geforscht. Er war von Land zu Land gereist, hatte in den Bergen nach Edelsteinen, in den Flüssen nach Gold gesucht, und er war nach versunkenen Schiffen auf den Meeresgrund getaucht. Es war ein wildes, abenteuerliches Leben gewesen, voller Ungeduld und Gier. Doch den Schatz, nein, den hatte er nie gefunden. Er war arm wie eine Kirchenmaus geblieben, und sein Erbe, das schöne Wasserschloss, fiel an seinen jüngeren Bruder, weil er sich nie darum gekümmert hatte.

„Am Ende des Regenbogens, so ein Unsinn!“ pflegte er regelmäßig am Ende seiner Grübelein zu sagen und missmutig in die Hütte zurückzustampfen, um sich schlafen zu legen.

So lebte er dahin, bis eines Tages etwas geschah. Es hatte tagelang geregnet, doch plötzlich war mit Macht die Sonne durchgebrochen, obwohl es noch etwas nieselte. Der alte Mann saß mal wieder mit gesenktem Kopf vor seiner Hütte und zertrat wütend eine kleine Blume. Doch plötzlich veränderte sich das Licht, und der alte Mann schreckte auf. Und da sah er es. Ein riesiger Regenbogen spannte sich über den Wald, hoch über die höchsten Wipfel der Bäume. Ein Regenbogen in den schönsten Farben, so prächtig, wie er es noch nie gesehen hatte. Und das Ende des Regenbogen zeigte genau auf ihn.

Ja, der alte Mann saß direkt am Ende des Regenbogens. Da kam ihm die Erleuchtung. Der Schatz am Ende des Regenbogens, das war er selber. Der alte Mann begann zu weinen. Er ging in seine Hütte und weinte drei Tage und drei Nächte lang.

Dann trat er wieder heraus. Er holte tief Luft und spürte, wie das Leben in ihn zurückströmte. Er fühlte sich um Jahrzehnte jünger. Er sah auf den Boden und bemerkte einen kleinen Käfer, der auf den Rücken gefallen war. Er bückte sich und drehte ihn behutsam herum. Dann blickte er hoch und nahm wahr, dass der Himmel leuchtend blau war.

Da wusste er, dass ein langes, glückliches Leben vor ihm lag.

Verfasser unbekannt
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Der Kastanienbaum und die Fee

Vor langer Zeit wuchs im Wald ein junges Kastanienbäumchen. Als dieses irgendwann anfing, über sich und das Leben nachzudenken, war es gerade einmal 50 Zentimeter groß und kaum mehr als zwei Jahre alt. Der kleine Kastaniensprössling hatte zu jener Zeit ein dünnes, krautiges Stämmchen und nur fünf einzelne, zierliche Blätter. Er wuchs inmitten einer Vielzahl anderer Bäume. Um ihn herum standen einige Birken, Kiefern, Eichen, Buchen und weitere Laub- oder Nadelgehölze. Auch gab es die verschiedensten Gräser und Farne in seiner unmittelbaren Nähe.

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Eines Tages betrachtete der kleine Kastaniensprössling eine wunderschöne, riesige und sehr alte Eiche, die in einiger Entfernung allein auf der Wiese stand. Der Anblick dieses beeindruckenden Baumes faszinierte ihn sehr. „Wie kraftvoll die Eiche ihre großen Äste in alle Himmelsrichtungen ausbreitete und wie wunderbar ihr Laub im Wind rauschte“, schwärmte er.

Von diesem Tag an wünschte sich der kleine Kastaniensprössling nichts mehr, als später einmal so groß und kraftvoll zu sein, so majestätisch und wunderschön, wie die herrliche Eiche. Dieser Wunschtraum wirkte sich äußerst positiv auf sein Wohlbefinden aus. Sein Ziel ließ ihn an eine wundervolle Zukunft glauben, beflügelte seinen Geist und bescherte ihm unbändige Lebenslust. Fortan begrüßte er morgens voller Begeisterung jeden neuen Tag und egal, ob die Sonne schien, es regnete oder stürmte, immer ließ er dabei seine fünf Blätter fröhlich im Wind schaukeln.

Eines schönen Tages saß eine Fliege auf einem seiner fünf zarten Blätter. Der kleine Kastaniensprössling begrüßte sie freundlich und lud sie ein, ein wenig bei ihm zu verweilen. Ganz nebenbei erzählte er der Fliege, wie sehr er sich darauf freute, eines Tages ein richtiger, großer, stattlicher Baum zu sein. „Dann können sich sogar Vögel, Eichhörnchen und Fledermäuse auf mir niederlassen“, berichtete er stolz. Die Fliege überlegte eine Weile, und dann sagte sie: „Um ein wirklich großer, stattlicher Baum werden zu können, müsstest du auf einer Lichtung stehen. Im Unterholz, zwischen Hunderten von anderen Bäumen und allerlei Gestrüpp, ist es dir überhaupt nicht möglich, groß und stattlich zu werden. Hier ist nicht genug Licht, geschweige denn Platz.“ Dann spannte sie ihre Flügel auseinander und flog davon.

Der kleine Kastaniensprössling erschrak. Seine Unbeschwertheit sowie der Glaube an sich und die Welt, waren auf einmal tief erschüttert. Er stellte fest, dass die Fliege Recht hatte. Um ihn herum war wirklich kein Platz um groß und stattlich werden zu können. Kein wunderschöner, großer Baum würde er eines Tages sein, sondern allenfalls ein mickriges, dünnes, spärlich verzweigtes, knorriges Bäumchen, das sich mit vielen anderen um ein paar Sonnenstrahlen streiten musste. Das war zu viel für den kleinen Kastaniensprössling. Augenblicklich bereitete ihm sein Leben keine Freude mehr und alles fühlte sich für ihn schwer und sinnlos an.

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Es wurde Herbst. Ein Jahr zuvor, als er noch viel kleiner gewesen war und nur zwei Blätter trug, hatte der kleine Kastaniensprössling diese Jahreszeit sehr genießen können. Damals hatte er große Freude daran, zu beobachten, wie sich seine beiden Blätter von Tag zu Tag mehr verfärbten und am Ende sogar ganz von ihm abfielen. In diesem Jahr konnte er dem Herbst nichts Gutes mehr abgewinnen. Obwohl sein krautiges Stämmchen wie eh und je im Wind wippte und seine bunten Blätter dabei herrlich flatterten, fühlte er nichts weiter als Ratlosigkeit, Verzweiflung und Schwere.

„Hätte ich bloß nicht hier zwischen all den anderen Bäumen Wurzeln geschlagen. Wäre die Kastanienfrucht, aus der ich erwuchs, doch nur auf eine Lichtung gefallen, dann könnte ich mich nach Herzenslust ausbreiten und meine Blätter vom hellen Sonnenlicht verwöhnen lassen“, kreisten seine Gedanken unaufhörlich. Der kleine Kastaniensprössling nahm indes kaum wahr, wie sehr der Herbst die Umgebung bereits verzauberte. Er hatte einfach keine Freude an den vielen farbenfrohen Blättern, die vom Wind lustig umhergewirbelt wurden und bald darauf als bunte, wärmende Laubdecke den Waldboden zierten. Ihm war alles egal.

Die Tage vergingen, ohne dass sich sein Befinden besserte. Dann hielt der Winter Einzug. Es wurde sehr kalt. Der kleine Kastaniensprössling verfiel für einige Monate in eine Art Winterschlaf. Während dieser Zeit träumte er hin und wieder von einer Fee. Stets begrüßte sie ihn liebevoll, wenn er ihr im Traum begegnete. Als sie ihn das erste Mal aufsuchte, sagte sie: „Hallo, mein liebes Kastanienbäumchen, ich bin gekommen, um dir ein wenig Zauberstaub zu schenken, heute habe ich den Zauber der Gelassenheit mitgebracht.“ Noch bevor der kleine Kastaniensprössling reagieren konnte, breitete die Fee ihre Arme aus und löste sich in Luft auf. Der kleine Kastaniensprössling erwachte unter dem Zauber der Gelassenheit regelrecht zu neuem Leben. Plötzlich war er dazu in der Lage, seine Situation gelassen anzunehmen und ganz entspannt auf die Zukunft zu vertrauen. Egal wie sein Leben auch weitergehen würde, ganz gleich, was aus ihm werden sollte, er hatte auf einmal die Fähigkeit, in sich zu ruhen, sich gelassen zurückzulehnen und in allem, was war, ist und sein wird, einen Sinn zu erkennen. Einige Zeit später verflog der Zauber und der wunderbare Traum von Ruhe und Gelassenheit war zu Ende.

Die Wochen vergingen. Immer wieder geschah es, dass der Kastaniensprössling von der Fee träumte. Als sie ihn das zweite Mal aufsuchte, hatte sie ihm den Zauberstaub der Geborgenheit mitgebracht. Kaum hatte sie ihre Arme ausgebreitet und sich wieder in Luft aufgelöst, spürte der kleine Kastaniensprössling, von einer Sekunde auf die andere, wie wohl es ihm war. Er fühlte sich geborgen in der schützenden Laubschicht und der dichten Schneedecke, die verhinderten, dass der Frost in den Boden eindrang. Im Traum kam ihm das Leben auf einmal wieder ganz wunderbar vor. Er erkannte, dass sein Befinden nicht maßgeblich davon abhing, wie seine Welt sich im Außen darbot, sondern vielmehr, mit welcher inneren Haltung er sie betrachtete. Nach einiger Zeit verflog der Zauber jedoch wieder und mit ihm die beflügelnden, positiven und lebensbejahenden Gefühle.

Ein anderes Mal träumte der kleine Kastaniensprössling, wie ihm die Fee den Zauberstaub des Humors brachte. Wieder entfaltete der Zauber seine Wirkung. Im Nu war ihm zum Lachen zumute. Egal, woran er auch dachte oder welche inneren Bilder der Erinnerung sich ihm zeigten, er konnte plötzlich alles mit Humor nehmen oder mit ein wenig Ironie betrachten. Das Leben fühlte sich wieder leicht und unbeschwert an. Auch über das, was nicht so erfreulich war, konnte er sich plötzlich amüsieren. Doch als der Zauber seine Kraft verlor, war die Heiterkeit wieder verschwunden.

Es dauerte nicht lange, bis weitere Traumbegegnungen mit der Fee folgten. Sie erschien dem kleinen Kastaniensprössling wieder und wieder. Manchmal brachte sie sogar zwei verschiedene Sorten Zauberstaub mit. So hatte die Fee beispielsweise einmal Fülle und Dankbarkeit gleichzeitig im Gepäck. Sofort nachdem sie ihre Arme ausgebreitet und sich in Luft aufgelöst hatte, setzte die Wirkung ein. Der kleine Kastaniensprössling fühlte unendlichen Reichtum und tiefe Dankbarkeit. In seinem Traum bedankte er sich bei Mutter Natur dafür, dass sie ihm das Leben geschenkt hatte. Er konnte dieses auf einmal als kostbares göttliches Geschenk begreifen. Der kleine Kastaniensprössling war geradezu überwältigt von der Vielfalt und Schönheit, die er überall um sich herum wahrnahm. Es fühlte sich für ihn plötzlich so an, als könnte er sein Glück kaum fassen. Er erkannte, dass alles, was sein Herz begehrte, in Hülle und Fülle vorhanden war, er musste nur genau hinschauen. Doch auch in diesem Traum verlor der Zauber bald wieder seine Kraft.

Als der kleine Kastaniensprössling das nächste Mal von der Fee Besuch bekam, brachte sie ihm den Zauberstaub von Liebe und Trost mit. Kaum hatte er die Fee bemerkt, fühlte er sich wunderbar geborgen, beschützt und geliebt. Dies war das schönste Gefühl, das er jemals in seinem Leben gespürt hatte. Es war ihm, als wäre er in alles und jeden, ja sogar in sich selbst, über alle Maßen verliebt. Dieser Traum berührte ihn so tief, wie kein anderer jemals zuvor.

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Es wurde Frühling und der Wald erwachte zu neuem Leben. Die Sonne schien und der Kastaniensprössling spürte die wohlige Wärme ihrer zärtlichen Strahlen auf seinem Stämmchen. Erste bunte Blüten der verschiedensten Blumen hatten sich aus der schützenden Laubdecke erhoben, und auch manche Gräser streckten bereits ihre frischen, grünen Halme der Sonne entgegen. Der kleine Kastaniensprössling selbst hatte zwar noch nicht ausgetrieben, aber sieben Knospen, aus denen sich bald sieben frische Blätter entwickeln sollten, waren bereits zu erkennen.

Je mehr der kleine Kastaniensprössling aus seinem Winterschlaf erwachte, umso mehr erinnerte er sich auch wieder daran, wie traurig er war und wie aussichtslos ihm seine Situation vorkam. Nichts schien es zu geben, woran er sich erfreuen konnte oder wofür es sich zu leben lohnte. So vergingen die Tage, ohne dass sich die Befindlichkeit des kleinen Kastaniensprösslings verbesserte.

Dann stand urplötzlich die Fee neben ihm. Zuerst nahm er sie gar nicht wahr, doch als er spürte, wie ihn jemand zärtlich berührte, erkannte er staunend, dass sie es war. Augenblicklich kehrten Lebensfreude und Leichtigkeit zu ihm zurück. Er fühlte sich sofort wieder geliebt, gelassen, geborgen, getröstet, beschützt, reich und dankbar. Er spürte, wie unbeschreiblich lebendig und wach er mit einem Mal war, so, als könnte ihm nichts von dem, was rings um ihn herum geschieht, entgehen und so, als würde er in allen Dingen einen Zauber sowie einen Sinn entdecken. Und weil die Fee diesmal nicht – wie sonst in seinen Träumen – die Arme über ihm ausbreitete und sich auch nicht gleich wieder in Luft auflöste, nutzte der kleine Kastaniensprössling die Gelegenheit und sprach sie an:

„Liebe gute Fee, wie schön, dich endlich wahrhaftig kennenzulernen! Ich danke dir von Herzen für die wunderbaren Träume, die du mir in den letzten Monaten brachtest und mit denen du mir so viele schöne Momente beschert hast. Schon wieder spüre ich den Zauber, den du mit dir führst. Ich fühle mich so außergewöhnlich neugierig, so unglaublich aufmerksam, dankbar und wach. Ich denke, du hast mir dieses Mal den Zauberstaub von Achtsamkeit, Wachheit, Begeisterungsfähigkeit und Wertschätzung mitgebracht.“ Die Fee lächelte dem kleinen Kastaniensprössling freundlich zu und sagte: „Mein liebes Kastanienbäumchen, wie schön, dich so neugierig, wach, begeistert und anerkennend zu erleben! Du machst mir damit das größte Geschenk überhaupt.“ „Ich mache dir damit ein Geschenk?“, fragte der kleine Kastaniensprössling etwas verlegen. „Ja“, sagte die Fee, „ich freue mich so sehr, dass du all diese lebensdienlichen Gefühle aufbringen kannst. Das zeigt mir, welch wunderbares Potenzial in dir steckt.“

„Wunderbares Potenzial, das in mir steckt?“, fragte der Kastaniensprössling, denn er verstand nicht, was die Fee damit meinte. „Ja, wenn du dazu in der Lage bist, all diese lebensbejahenden Gefühle zu fühlen, und alles wertschätzen kannst, was dich umgibt, dann kannst du in deinem Leben wirklich glücklich werden“, sagte sie. „Das war aber doch nur möglich, weil du nicht müde wurdest, mir immer wieder den entsprechenden Zauberstaub zu bringen“, sagte der kleine Kastaniensprössling, „genauso, wie du mir auch jetzt wieder Zauberstaub mitbringst“, fügte er hinzu. „Nein, du irrst dich“, sagte die Fee. „Stell dir vor, ich habe dir noch nie irgendwelchen Zauberstaub gebracht. Ich sagte das nur, um dich ein wenig aufzumuntern und um dir zu zeigen, dass aller Zauber in dir selbst ist. Ich habe dir auch heute keine Achtsamkeit oder Wachheit, weder Wertschätzung noch Begeisterungsfähigkeit mitgebracht.

Als Fee bin ich Teil des Geistigen. Ich bin immer und überall gegenwärtig. Im Innen und im Außen. Also um dich herum genauso wie in dir selbst. All diese positiven, lebensdienlichen Energien halte ich zu jeder Zeit als unerschöpfliches geistiges Potenzial für alles und jeden bereit. Ob man es entdeckt, wertschätzt, annimmt, nutzt und entfaltet, liegt ganz allein an jedem selbst“, beendete sie ihre Erklärungen. Der kleine Kastaniensprössling wollte noch etwas sagen, doch die Fee war sogleich entschwunden. Sofort befürchtete er, der Zauber könnte schon bald wieder abschwächen und schließlich ganz verfliegen.

Doch dann besann es sich auf das, was die Fee ihm auf so beeindruckende Art und Weise anvertraut hatte. Dem kleinen Kastaniensprössling wurde klar, dass die Fee immer bei ihm war. Nicht nur, wenn er von ihr träumte oder sie sich zufällig irgendwo zeigte. Wann immer er ihre Unterstützung begehrte, brauchte er nur an sie zu denken und schon war er wieder mit ihr und sich selbst in Kontakt.

Es dauerte noch ein paar Tage, bis der kleine Kastaniensprössling das Vertrauen in sich und das Leben ganz zurückgewonnen hatte, aber schließlich erkannte er: Was immer auf ihn wartete, egal, was das Leben noch für ihn bereithalten würde, er besaß den Zauberschlüssel dazu, um in allem das Positive zu entdecken, aus jeder Begebenheit, das Bestmögliche zu machen und niemals die Hoffnung zu verlieren. Er begriff, welch große Ehre es war, ein Teil des Waldes sein zu dürfen. Zugleich konnte er sich gestatten, noch von etwas anderem zu träumen. Er wusste: Das Leben ist ein spannendes, unvorhersehbares Geschenk! Nichts ist sicher, aber alles ist möglich! Von da an war er bereit – bereit, das Geschenk anzunehmen – bereit, zu leben.

Der Kastanienbaum und die Fee – Aus dem Buch “Von Herz zu Herz”
gefunden auf www.spirituell-auf-deine-weise.de

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Das perfekte Herz

Eines Tages stand ein junger Mann mitten in der Stadt und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Eine große Menschenmenge versammelte sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, das sie je gesehen hatten. Der junge Mann war sehr stolz und prahlte noch lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Mann vor der Menge auf und sagte: „Nun, dein Herz ist nicht annähernd so schön, wie meines.“ Die Menschenmenge und der junge Mann schauten das Herz des alten Mannes an.

Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken…Genau gesagt, waren an einigen Stellen tiefe Furchen, in denen ganze Teile fehlten. Die Leute starrten ihn an und dachten: Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner?

Der junge Mann schaute auf des alten Mannes Herz, sah dessen Zustand und lachte: „Du musst scherzen“, sagte er, „dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen.“

„Ja“, sagte der alte Mann, „deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht für einen Menschen, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genau passen, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?“

Der junge Mann stand still da und Tränen rannen über seine Wangen.

Er ging auf den alten Mann zu, griff nach seinem perfekten jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem alten Mann mit zitternden Händen an. Der alte Mann nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde in des jungen Mannes Herzen. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte.

Der junge Mann sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Mannes in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen fort, Seite an Seite.

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Wir konnten leider keinen Urheber/Verfasser/Autor finden. Hinweise sind Willkommen!

(Manche Seiten nennen eine Fr. Manuela Ridder-Hillenbrand als Autorin – wir konnten jedoch keine Kontaktdaten finden)