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– Jill’s Geschichte… von Colin C. Tipping –

Jill’s Geschichte…

Gerade in langjährigen Liebesbeziehungen scheint es manchmal äußerst schwierig das Gefühl des Verliebt Seins und der Liebe dauerhaft aufrecht zu erhalten. Das bedeutet nicht, dass diese Gefühle nicht mehr da wären, sondern viel mehr können wir sie kaum noch wahrnehmen und spüren. So viele alltägliche Dinge erschweren uns das, denn wir haben stets und ständig so viele wichtige Dinge im Kopf, machen uns Gedanken über die Arbeit, Familie Freunde oder aber die Finanzen, zukünftige Dinge und vieles mehr. Wir nehmen unseren Partner und das Leben mit ihm für selbstverständlich und können die kleinen Dinge, die er tut nicht mehr erkennen.

Manchmal sind wir aber im Laufe der Zeit auch sehr enttäuscht. Vielleicht haben wir uns oft geärgert, haben versucht Dinge zu verändern und sind doch wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, vielleicht haben sich auch die „Macken“ des anderen zu einem riesigen Berg Frust angestaut und nun fällt es uns schwer, immer wieder den ersten Schritt zu tun und alles auf ein Maß guter Umgänglichkeit zurück zu bringen. Vielleicht haben wir auch resigniert, weil wir glauben, wir haben so oft mit unserem Partner über die ein oder anderen Dinge gesprochen und dennoch hat sich bis zum heutigen Tag nichts geändert und wenn, dann war es nur von kurzer Dauer. So kann es passieren, dass einer der Partner oder auch beide die Liebesbeziehung innerlich kündigt und es stellt sich ein nebeneinander her leben ein.

Dies kann dazu führen, dass beide ein paar Jahre später feststellen, dass sie absolut nichts mehr gemeinsam haben, sich nichts mehr zu sagen haben und von dem anderen eigentlich nur noch genervt und enttäuscht sind, sodass eine Trennung unumgänglich scheint.

Eine langjährige Liebesbeziehung bedeutet also nicht immer das gemeinsame Beschreiten des Lebensweges, sondern sie kann auch viele Probleme mit sich bringen, die auf den ersten Blick oder auch mit der Zeit unlösbar scheinen. Doch ist es so, dass wir immer eine Wahl haben. Wir müssen so nicht leben, wir müssen das nicht akzeptieren und egal aus welchen Gründen wir mit unserem Partner zusammen sind, sind wir doch für unser eigenes Glück selbst verantwortlich. Oftmals sind es aber nicht die Dinge, die unser Partner tut oder nicht tut, die uns verletzen, wütend und enttäuscht werden lassen oder uns dazu bringen sehr reserviert mit dem Menschen an unserer Seite umzugehen. Es ist viel mehr unsere Sichtweise und das wie wir über bestimmte Menschen und Situationen denken, die dazu führen, dass wir in unserer Liebesbeziehung frustriert sind und uns allein fühlen.

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An dieser Stelle möchte ich euch einen Auszug vorstellen aus dem Buch von Colin Tipping:

“Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“

Diese Geschichte beschreibt sehr eindrucksvoll, wie sehr sich unsere eigenen Sichtweisen, Erfahrungen und Werte von denen anderer unterscheiden und wie viel Einfluss sie auf uns und unser Zusammenleben mit anderen haben können.

1: Jills Geschichte

Als meine Schwester in der Ankunftshalle des Atlanta Hartsfield International Airport auf mich zukam, wusste ich sofort, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte ihre Gefühle noch nie gut verbergen, und ich sah deutlich, wie sehr sie emotional litt. Jill war mit meinem Bruder John, den ich seit sechzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte, aus England in die USA geflogen. John war 1972 aus England nach Australien ausgewandert, ich ging 1984 in die USA. Jill war daher – und ist es noch heute – die einzige von uns drei Geschwistern, die noch in England lebt. John war nach Hause gereist, und sein Trip nach Atlanta war die letzte Etappe seiner Rückreise.

Jill begleitete ihn nach Atlanta, so dass sie mich und meine Frau JoAnna für ein paar Wochen besuchen und John von dort nach Australien verabschieden konnte. Wir umarmten uns zur Begrüßung, und nach einem Moment der Verlegenheit machten wir uns auf den Weg zum Hotel. Ich hatte für die Nacht Zimmer reserviert, sodass JoAnna und ich den beiden am nächsten Tag Atlanta zeigen konnten, bevor wir in unser Haus fahren würden. Sobald sich eine Gelegenheit zu einem ernsten Gespräch ergab, sagte Jill: „Colin, es sieht nicht gut bei mir zu Hause aus. Jeff und ich werden uns wahrscheinlich trennen.“ Obwohl ich gemerkt hatte, dass mit meiner Schwester etwas nicht stimmte, war ich überrascht. Ich war immer sicher gewesen, sie führe mit ihrem Mann Jeff eine glückliche Ehe. Beide waren zuvor verheiratet gewesen, doch diese Beziehung schien von Dauer zu sein.

Jeff hatte aus vergangener Ehe drei Kinder, Jill hatte vier. Ihr jüngster Sohn Paul war der einzige, der noch zu Hause wohnte. „Was ist los?“, fragte ich. „Es ist seltsam, und ich weiß auch gar nicht, wo ich anfangen soll“, erwiderte sie. „Jeff verhält sich sehr merkwürdig, und ich halte es nicht mehr viel länger aus. Wir sind an einem Punkt, an dem wir nicht mehr miteinander reden können. Es bringt mich um. Er hat sich vollkommen von mir abgewandt und sagt, alles sei meine Schuld.“ „Sprich Dich aus“, sagte ich und sah zu John, der die Augen verdrehte. Er hatte die beiden vor seinem Flug nach Atlanta eine Woche lang besucht, und ich schloss aus seiner Miene, dass er von dem Thema vorerst genug hatte.

„Erinnerst Du Dich an Jeffs älteste Tochter Lorraine?“, fragte Jill. Ich nickte. „Ihr Mann starb vor etwa einem Jahr bei einem Autounfall. Seitdem hat sich zwischen ihr und Jeff diese äußerst seltsame Beziehung entwickelt. Jedes Mal, wenn sie anruft, überschlägt er sich fast und umschmeichelt sie, nennt sie ,Liebes‘ und tuschelt stundenlang mit ihr. Man könnte denken, sie seien verliebt – und nicht Vater und Tochter. Wenn er bei ihrem Anruf gerade beschäftigt ist, lässt er alles stehen und liegen, um mit ihr zu reden. Wenn sie zu uns nach Hause kommt, verhält er sich genauso – wenn nicht schlimmer. Sie hocken zusammen, flüstern nur miteinander und schließen alle anderen aus – besonders mich. Ich kann es kaum ertragen. Ich habe das Gefühl, sie ist das Wichtigste in seinem Leben geworden, und ich spiele so gut wie keine Rolle mehr. Ich fühle mich total ausgeschlossen und missachtet.“

Sie erzählte weiter und schilderte mehr Details der seltsamen Familiendynamik, die sich da entwickelt hatte. JoAnna und ich hörten aufmerksam zu. Wir waren verständnisvoll und mitfühlend; wir erörterten mögliche Ursachen für Jeffs Verhalten und machten Jill Vorschläge, wie sie mit ihm darüber sprechen könnte. Kurz: wir versuchten, Lösungsmöglichkeiten zu finden, wie dies ein besorgter Bruder und eine Schwägerin so tun. John half mit und bot ebenfalls seine Sicht der Situation dar. Was mir seltsam und verdächtig vorkam, war das untypische Verhalten von Jeff. Der Jeff, den ich kannte, war liebevoll zu seinen Töchtern und sicherlich abhängig genug, um ihre Bestätigung und Liebe sehr zu brauchen. Doch ich hatte sein Verhalten niemals so gesehen, wie Jill es beschrieb. Ich kannte ihn als fürsorglich und liebevoll gegenüber Jill. Ich konnte kaum glauben, dass er sie nun so grausam behandelte. Es war für mich klar, dass diese Situation Jill unglücklich machte und Jeffs Beharren darauf, sie bilde sich alles nur ein, für sie alles noch verschlimmerte.

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Die Unterhaltung setzte sich den ganzen nächsten Tag fort. Ich begann eine Vorstellung davon zu bekommen, was sich aus der Perspektive der Radikalen Vergebung zwischen Jill und Jeff abspielte. Doch ich beschloss, dies nicht zu erwähnen – jedenfalls nicht sofort. Sie war zu befangen in dem Drama der Situation und wäre so nicht in der Lage gewesen, zu hören und zu verstehen. Radikale Vergebung basiert auf einer umfassenden spirituellen Perspektive, die damals, als wir noch zusammen in England lebten, ganz und gar nicht zu unserer gemeinsamen Lebenswirklichkeit gehörte. Ich war mir sicher, dass sie und John so gut wie nichts über meine Ideen und Vorstellungen bezüglich Radikaler Vergebung wussten. Ich hatte das bestimmte Gefühl, es sei noch nicht an der Zeit, einen so schwierigen Gedanken zu äußern wie: dass alles so, wie es ist, vollkommen ist – und eine Gelegenheit zu heilen.

Nachdem wir zwei Tage das Problem immer wieder gewälzt hatten, entschied ich, dass die Zeit reif sei, Radikale Vergebung anzusprechen. Dazu musste sich allerdings meine Schwester der Möglichkeit öffnen, dass etwas in ihrem Leben geschah, das über das Offensichtliche hinausging – etwas Sinnvolles, von göttlicher Instanz geleitet und ihrem höheren Wesen dienend. Doch noch war sie überzeugt, das Opfer der Situation zu sein. So war fraglich, ob sie bereit war, eine Version von Jeffs Verhalten zu hören, die sie aus dieser Rolle befreien konnte.

Als meine Schwester jedoch begann, die Version vom Vortag zu wiederholen, entschloss ich mich, einzuschreiten. Vorsichtig sagte ich: „Jill, wärst du gewillt, die Situation aus einer neuen Perspektive zu betrachten? Könntest du mir zuhören, wenn ich dir eine völlig andere Deutung der Ereignisse vorstelle?“ Sie schaute mich an, als wollte sie sagen: ‚Wie soll es möglich sein, dass man die Dinge anders interpretieren kann. Es ist so, wie es ist.‘ Jill und ich haben jedoch eine gemeinsame Geschichte; in der Vergangenheit hatte ich ihr bei der Lösung eines Beziehungsproblems geholfen. Also vertraute sie mir genügend, um zu erwidern: „Meinetwegen. Was schwebt dir vor?“ Dies war das Stichwort, auf das ich gewartet hatte. „Was ich dir sagen will, klingt vielleicht etwas seltsam, aber warte bitte mit deinem Widerspruch, bis ich ausgeredet habe. Bleib einfach offen für die Möglichkeit, dass alles, was ich sage, stimmt; sieh, ob es für dich am Ende Sinn macht.“

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte John zwar versucht, Jill zuzuhören, doch das sich ständig wiederholende Gespräch über Jeff hatte ihn allmählich gelangweilt. Am Ende hörte er ihr überhaupt nicht mehr zu. Ich merkte jedoch, dass er nun plötzlich die Ohren spitzte. „Was du uns beschrieben hast, Jill, entspricht sicher der Wahrheit, wie du sie siehst“, begann ich. „Ich bezweifle nicht, dass alles so geschieht, wie du es erzählst. Außerdem hat John die Situation in den letzten drei Wochen mit eigenen Augen gesehen und bestätigt deine Version. Stimmt’s John?“, fragte ich meinen Bruder. „Absolut“, bestätigte John. „Es ist wirklich genau so, wie Jill sagt. Ich fand das auch recht seltsam, und ich fühlte mich ehrlich gesagt die ganze Zeit ziemlich fehl am Platze.“ „Kein Wunder“, sagte ich. „Jedenfalls sollst du wissen, Jill, dass nichts, was ich gleich sagen werde, deine Geschichte verneinen oder entkräften soll.

Ich glaube, dass es genau so geschehen ist, wie du es sagst. Ich will dich nur darauf aufmerksam machen, dass unter der Oberfläche noch etwas anderes vor sich geht.“ „Was meinst du mit ‚unter der Oberfläche‘“, fragte Jill misstrauisch. „Es ist völlig natürlich anzunehmen, dass das, was da draußen ist, die ganze Wirklichkeit darstellt“, erklärte ich. „Doch möglicherweise spielt sich hinter dieser Realität noch viel mehr ab. Wir nehmen nur nichts weiter wahr, weil unsere fünf Sinne dazu einfach nicht ausreichen. Das heißt jedoch nicht, dass es nicht so ist.“ „Zum Beispiel in deinem Fall. Du und Jeff, ihr seid in dieses Drama verwickelt. Soviel ist klar.

Wie wäre es jedoch, wenn sich hinter diesem Drama etwas abspielen würde, was spiritueller ist – dieselben Menschen und dieselben Ereignisse – aber mit einer gänzlich anderen Bedeutung? Wie wäre es, wenn eure beiden Seelen denselben Tanz aufführen würden, jedoch zu einer völlig anderen Melodie? Wie wäre es, wenn dieser Tanz sich um deine Heilung drehen würde? Wir wäre es, wenn du das Ganze als eine Gelegenheit zur Heilung und zum Wachstum sehen könntest? Das wäre eine völlig andere Perspektive, oder?“ Beide, sie und John, sahen mich an, als käme ich von einem anderen Stern. Ich beschloss, die Situation nicht weiter zu erklären, sondern direkt zur Erfahrung überzugehen.

„Schau einmal auf die vergangenen drei Monate zurück, Jill“, fuhr ich fort. „Was hast du hauptsächlich gespürt, als du sahst, wie sich Jeff so liebevoll gegenüber seiner Tochter Lorraine verhält?“ „Überwiegend Ärger“, begann sie, dachte aber weiter nach. „Frustration“, fügte sie hinzu. Dann, nach einer langen Pause: „Und Trauer. Ich bin wirklich traurig.“ Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ich fühle mich so allein und ungeliebt“, sagte sie und begann, still zu schluchzen. „Es wäre alles nicht so schlimm, wenn ich annehmen würde, dass er keine Liebe zeigen kann. Aber er kann es, und er tut es – aber mit ihr!“ Die letzten Worte schrie sie fast, erregt und wütend. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft verlor sie die Beherrschung und begann zu schluchzen. Sie hatte vorher ein paar Tränen vergossen, aber sie hatte sich immer beherrscht und nicht richtig geweint. Nun konnte sie endlich loslassen. Ich freute mich, dass Jill so schnell Zugang zu ihren Gefühlen gefunden hatte.

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Ganze zehn Minuten verstrichen, bis sie aufhörte zu weinen und ich das Gefühl hatte, dass sie sprechen konnte. An diesem Punkt fragte ich: „Jill, kannst du dich erinnern, ob du dich jemals so gefühlt hast, als du noch ein kleines Mädchen warst?“ Ohne einen Moment zu zögern, sagte sie: „Ja“. Sie sagte nichts weiter, also bat ich sie, es zu erklären. Sie brauchte eine Weile für die Antwort. „Mein Daddy wollte mir auch keine Liebe geben!“, platzte sie schließlich heraus und begann wieder zu weinen. „Ich wollte, dass er mich liebt, aber er wollte nicht. Ich dachte, er könne niemanden lieben! Dann kam deine Tochter, Colin. Er liebte sie. Aber warum konnte er mich nicht lieben? Verdammt noch mal!“ Sie schlug hart mit der Faust auf den Tisch, als sie diese Worte herausschrie, und ließ ihren Tränen freien Lauf. Jill bezog sich auf meine älteste Tochter Lorraine. Zufällig hatten sie und Jeffs älteste Tochter denselben Namen. Oder war es mehr als ein Zufall?

Zu weinen, tat Jill gut. Ihre Tränen lösten ihre Gefühle und waren möglicherweise ein Wendepunkt für sie. Ich dachte, ein echter Durchbruch könne nun nicht mehr weit entfernt sein. Ich musste ihr nur noch ein paar Anstöße geben. „Erzähl mir über den Vorfall mit meiner Tochter Lorraine und Vater“, sagte ich. Jill raffte sich auf und sagte: „Ich fühlte mich von meinem Vater immer ungeliebt und hatte immer Sehnsucht nach seiner Liebe. Niemals hielt er meine Hand, und nur selten nahm er mich auf den Schoß. Immer hatte ich das Gefühl, dass mit mir etwas nicht stimmt. Als ich älter war, sagte mir meine Mutter, mein Vater könne niemanden lieben, nicht einmal sie. In diesem Moment fand ich mich mehr oder weniger damit ab.

Wenn er wirklich niemanden lieben konnte, war es vielleicht nicht mein Fehler, dass er mich nicht liebte. Er liebte wirklich niemanden. Er machte sich nicht einmal viel aus meinen Kindern – seinen eigenen Enkelkindern – geschweige denn aus Menschen, die nicht zur Familie gehörten. Er war jedoch kein schlechter Vater. Er konnte nur nicht lieben. Er tat mir leid.“ Sie weinte ein wenig mehr und nahm sich diesmal etwas mehr Zeit. Ich wusste, was sie meinte, als sie von unserem Vater sprach. Er war ein freundlicher und zartfühlender Mann, sehr still und zurückgezogen. Er schien meist für niemanden emotional zugänglich zu sein.

Als Jill sich wieder etwas gefangen hatte, fuhr sie fort: „Ich erinnere mich an einen bestimmten Tag bei uns zu Hause. Deine Tochter Lorraine war etwa vier oder fünf Jahre alt. Mom und Dad waren aus Leicester zu Besuch, und wir alle kamen zu euch nach Hause. Ich sah, wie Lorraine Dad an der Hand nahm. Sie sagte: ‚Komm Opa, ich zeige dir den Garten und alle meine Blumen.‘ Er war wie Wachs in ihren Händen. Sie führte ihn überall hin und redete und redete und redete und zeigte ihm alle Blumen. Sie umgarnte ihn. Ich beobachtete sie die ganze Zeit aus dem Fenster. Als sie wieder hereinkamen, setzte er sie auf seinen Schoß und war so verspielt und gut gelaunt, wie ich ihn niemals erlebt hatte.“ „Ich war völlig niedergeschlagen.

Also kann er doch lieben, dachte ich. Wenn er Lorraine lieben konnte, warum dann nicht mich?“ Die letzten Worte waren ein Flüstern, gefolgt von vielen Tränen voller Kummer und Trauer. Tränen, die sie all die Jahre aufgestaut hatte. Ich hatte den Eindruck, wir hätten vorerst genug getan, und schlug vor, einen Tee zu machen. (Wir sind Engländer und trinken bei jeder Gelegenheit Tee.) Vom Standpunkt der Radikalen Vergebung aus betrachtet war Jeffs seltsames Verhalten unbewusst darauf ausgerichtet, Jill zu helfen, die unverarbeitete Beziehung mit ihrem Vater zu heilen. Wenn sie dies sehen und die Vollkommenheit von Jeffs Verhalten erkennen könnte, würde ihre Verletzung heilen – und Jeffs Verhalten sich höchstwahrscheinlich ändern.

Ich war mir jedoch nicht sicher, wie ich dies Jill auf eine ihr momentan einleuchtende Weise erklären konnte. Glücklicherweise brauchte ich es gar nicht erst zu versuchen. Sie kam ganz von selbst auf diesen offensichtlichen Zusammenhang. Später an diesem Tag fragte sie mich: „Colin, findest du es nicht auch seltsam, dass Jeffs und deine Tochter denselben Namen haben? Und mehr noch: Beide sind blond und sind die ältesten Kinder. Ist das nicht ein seltsamer Zufall! Glaubst du, dass es da einen Zusammenhang gibt?“ Ich lachte und erwiderte: „Mit Sicherheit. Dies ist der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Situation.“ Sie sah mir lange tief in die Augen. „Was meinst du damit?“ „Das musst du schon selbst herausfinden“, erwiderte ich. „Siehst du noch mehr Ähnlichkeiten zwischen dieser Situation mit Dad und meiner Lorraine und deiner gegenwärtigen Situation?“ „Mal sehen …“, sagte Jill. „Beide Mädchen haben denselben Namen. Beide scheinen in ihrem Leben das zu bekommen, was ich von den Männern in meinem Leben niemals bekam.“ „Was ist das?“, fragte ich nach. „Liebe“, flüsterte sie. „Sprich weiter“, forderte ich sie vorsichtig auf. „Es scheint, dass deine Lorraine von Dad die Liebe bekommt, die ich nicht bekam. Und Jeffs Tochter Lorraine bekommt von ihrem Dad auch alle Liebe, die sie will – aber auf meine Kosten. O Gott!“, rief sie aus. Anscheinend begann sie zu verstehen. „Aber warum? Ich sehe die Ursache nicht. Es ist etwas beängstigend. Was geht da vor?“ fragte sie in Panik.

Es war Zeit, das Puzzle für sie zusammenzusetzen. „Lass mich erklären, wie es funktioniert“, sagte ich. „Dies ist ein perfektes Beispiel dafür, dass – wie ich vorhin sagte – eine völlig andere Realität hinter dem Drama, das wir ‚Leben‘ nennen, steht. Glaub’ mir, es gibt nichts, wovor du Angst haben müsstest. Wenn du siehst, wie es funktioniert, wirst du mehr Vertrauen, mehr Sicherheit und mehr inneren Frieden spüren, als du es jemals für möglich gehalten hättest. Du wirst erkennen, wie wir durch das Universum oder Gott, wie auch immer du es nennen willst, getragen werden, in jedem Moment jeden Tages, ganz gleich, wie schlimm uns die Lage erscheinen mag“, sagte ich so zuversichtlich, wie ich konnte.

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„Aus spiritueller Perspektive betrachtet, ist unsere Unzufriedenheit mit einer gegebenen Situation ein Zeichen dafür, dass wir spirituell aus dem Gleichgewicht geraten sind und sich uns eine Gelegenheit bietet, etwas zu heilen. Es kann ein echter Schmerz sein oder auch ein vergifteter Gedanke, der uns davon abhält, unser wahres Selbst zu sein. Wir sehen es jedoch häufig nicht aus dieser Perspektive. Stattdessen beurteilen wir die Situation und machen andere dafür verantwortlich, was geschieht. Dies hält uns davon ab, die Botschaft zu verstehen und unsere Lektion zu lernen. Es verhindert unsere Heilung. Wenn wir nicht heilen, was geheilt werden muss, bleibt uns nichts anderes übrig, als weitere Unzufriedenheit zu erzeugen, bis wir buchstäblich gezwungen sind, uns zu fragen: ‚Was geht hier eigentlich vor?‘

Manchmal muss die Botschaft sehr laut sein oder der Schmerz unerträglich, bevor wir anfangen, hinzuschauen. Eine lebensbedrohliche Krankheit etwa ist eine deutliche Botschaft. Doch manche Menschen sehen den Zusammenhang zwischen dem aktuell Geschehenden und der Chance zur Heilung selbst im Angesicht des Todes nicht.“ „In deinem Fall ist das zu Heilende dein alter Schmerz hinsichtlich deines Vaters und der Tatsache, dass er dir niemals Liebe zeigte. Darum geht es bei deinem aktuellen Schmerz und deiner Unzufriedenheit. Dieser Schmerz entstand immer wieder, in den verschiedensten Situationen.

Aber da du die Gelegenheit nicht erkanntest, konnte die Verletzung nicht heilen. Daher ist es ein Geschenk, wenn der Schmerz nun wiederkommt und dir Gelegenheit gibt, hinzusehen und Gesundung zu ermöglichen.“ „Ein Geschenk?“, fragte Jill. „Du meinst, es ist ein Geschenk, weil darin eine Botschaft für mich enthalten ist? Eine Botschaft, die ich schon vor langer Zeit hätte erhalten sollen, wenn ich sie nur verstanden hätte?“ „Genau“, sagte ich. „Hättest du es damals verstanden, wäre deine Unzufriedenheit geringer gewesen, und du müsstest nicht durch das gegenwärtige Leiden gehen. Doch es spielt keine Rolle. Jetzt ist es auch gut. Es ist perfekt. Du brauchst keine lebensbedrohliche Krankheit, um zu begreifen, wie es so viele Menschen tun. Du beginnst, es zu verstehen – und zu heilen.“ „Lass mich dir einmal genau erklären, was geschehen ist und wie es dein Leben bis heute beeinflusst hat“, sagte ich. Ich wollte, dass sie die Dynamik ihrer gegenwärtigen Situation klar vor Augen hatte. „Als kleines Mädchen fühltest du dich verlassen und ungeliebt von deinem Dad. Dies ist eine niederschmetternde Erfahrung.

Aus entwicklungspsychologischer Sicht ist es notwendig für ein junges Mädchen, sich vom Vater geliebt zu fühlen. Da du diese Liebe nicht gefühlt hast, hast du daraus geschlossen, dass etwas mit dir nicht stimmt. Du begannst, wirklich daran zu glauben, dass du nicht liebenswert und nicht gut genug bist. Dieser Glaube verankerte sich tief in deinem Unterbewusstsein und begann später – als es zu Beziehungen kam – dein Leben zu ruinieren. In gewisser Weise kam es immer wieder zur Bestätigung dieser unbewussten Überzeugung:

Es gab in deinem Leben genügend Situationen, die dir vorspiegelten, du seist in der Tat nicht gut genug. Unser Leben wird immer unsere Überzeugungen bestätigen.“ „Für dich als Kind war der Schmerz, die Liebe deines Vaters nicht zu bekommen, mehr, als ein Kind ertragen konnte. Also hast du einen Teil des Schmerzes – und damit noch viel mehr – unterdrückt. Wenn man ein Gefühl unterdrückt, weiß man, dass es da ist, aber man frisst es in sich hinein. Unterdrückte Gefühle werden so tief im Unterbewusstsein vergraben, dass man sich ihrer nicht mehr bewusst ist.“ „Später, als du merktest, dass dein Vater von Natur aus kein liebevoller Mensch ist und wahrscheinlich niemanden lieben konnte, begannst du dich etwas davon zu erholen, nicht von ihm geliebt zu werden. Du begannst zu heilen. Wahrscheinlich hast du begonnen, einen Teil des unterdrückten Schmerzes loszulassen und einen Teil deiner Überzeugungen aufzugeben, dass du nicht liebenswert bist.

Wenn er wirklich niemanden lieben konnte, war es vielleicht doch nicht dein Fehler, dass er dich nicht liebte.“ „Doch in diesem Moment platzte die Bombe, die dich wieder ganz zum Anfang zurückwarf. Als du beobachtetest, wie er meine Lorraine liebte, löste dies in dir deine ursprüngliche Überzeugung wieder aus. Du sagtest dir, ‚mein Vater kann doch lieben, aber er liebt nicht mich. Es ist offensichtlich doch mein Fehler. Ich bin meinem Vater nicht gut genug, und ich werde niemals für einen Mann gut genug sein.‘

Von diesem Zeitpunkt an führtest du immer wieder Situationen herbei, die dich in der Überzeugung bekräftigten, nicht gut genug zu sein.“ „Wie habe ich das gemacht?“, unterbrach mich Jill. „Ich kann nicht erkennen, wie ich es geschafft habe, in meinem Leben nicht gut genug zu sein.“ „Wie war deine Beziehung zu Henry, deinem ersten Mann?“, erwiderte ich. Sie war mit Henry, dem Vater ihrer vier Kinder, 15 Jahre lang verheiratet gewesen. „In vieler Hinsicht nicht schlecht, doch er war so untreu. Er suchte immer nach Gelegenheiten, mit anderen Frauen Sex zu haben, und ich fand das furchtbar.“ „Genau. Und du sahst ihn als den Bösen und dich als das Opfer in der Situation.

Die Wahrheit ist jedoch, dass du ihn genau deshalb in deinem Leben angezogen hast, weil du auf einer bestimmten Ebene wusstest, dass er deine Überzeugung, nicht gut genug zu sein, bestätigen würde. Indem er untreu war, bekräftigte er dich in dieser Selbsteinschätzung.“ „Willst du damit sagen, dass er mir einen Gefallen getan hat? Das kaufe ich dir so nicht ab!“, sagte sie lachend, aber gleichzeitig mit einer Spur unübersehbaren Ärgers. „Zumindest hat er dich in deinem Glauben bestärkt, oder nicht?“, erwiderte ich. „Du warst so deutlich nicht gut genug, dass er sich immer nach anderen, besseren Frauen umschaute. Wenn er das Gegenteil getan und dich ständig so behandelt hätte, als seiest du vollkommen genug, hättest du in deinem Leben ein anderes Drama erschaffen, um deine Überzeugung zu bekräftigen.

Deine Überzeugungen über dich selbst, selbst wenn sie völlig unzutreffend waren, machten es dir unmöglich, gut genug zu sein.“ „Ebenso hätte Henry wahrscheinlich sofort aufgegeben, sich an deine Freundinnen heran zu machen, wenn du damals deine Überzeugung geändert hättest, indem du deinen ursprünglichen Schmerz um deinen Vater geheilt und dein Selbstwertgefühl in gut genug geändert hättest. Wenn er es nicht aufgegeben hätte, dann hättest du wahrscheinlich überhaupt kein Problem damit gehabt, ihn zu verlassen – um jemand anderen zu finden, der dich so behandelt, als seist du gut genug. Wir erzeugen uns immer unsere eigene Realität gemäß unseren Überzeugungen.

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Wenn du deine Glaubensmuster kennenlernen möchtest, dann schau dir an, was du in deinem Leben hast. Unser Leben ist immer ein Spiegelbild unserer Überzeugungen.“ Jill schien ein wenig verwundert, also beschloss ich, einiges noch etwas genauer zu beschreiben. „Jedes Mal, wenn Henry dich betrog, gab er dir die Gelegenheit, deinen alten Schmerz zu heilen. Dein alter Schmerz war der, von deinem Vater nicht geliebt zu werden. Henry stellte deine Überzeugung, niemals gut genug für einen Mann zu sein, unter Beweis und agierte sie für dich aus. Die ersten Male, als dies geschah, warst du wahrscheinlich so wütend und aufgeregt, dass du leicht mit deinem alten Schmerz hättest in Kontakt kommen und mit deinen Überzeugungen über dich selbst vertraut werden können.

Als Henry dich die ersten Male betrog, waren dies die ersten Gelegenheiten, Radikale Vergebung zu üben und deine alte Verletzung zu heilen. Doch du hast diese Chancen verpasst. Du beschuldigtest ihn jedes Mal und schlüpftest in die Opferrolle. So wurde Heilung unmöglich.“ „Was meinst du mit Vergebung?“, fragte Jill sehr besorgt. „Meinst du, ich hätte ihm verzeihen sollen, als er meine beste Freundin und alle möglichen anderen Frauen verführte?“ „Ich meine, er gab dir damals eine Gelegenheit, mit deinem alten Schmerz in Kontakt zu kommen und zu sehen, dass eine bestimmte Überzeugung über dich selbst dein Leben beherrscht.

Indem er dies tat, gab er dir die Gelegenheit, deine Überzeugungen zu verstehen und zu verändern und damit deine ursprüngliche Verletzung zu heilen. Das meine ich mit Vergebung. Kannst du erkennen, dass Henry deine Vergebung verdient?“ „Ja, ich glaube, ich kann“, sagte sie. „Er spiegelte jene Überzeugung wider, in die ich mich geflüchtet hatte, weil ich mich von Dad ungeliebt fühlte. Er bestätigte mir, dass ich nicht gut genug war. Ist es das, was du meinst?“ „Ja, und dafür, dass er dir diese Gelegenheit gab, verdient er Anerkennung – mehr, als dir im Augenblick bewusst ist. Wir wissen nicht, ob er sein Verhalten geändert hätte, wenn du dein Problem mit deinem Dad damals hättest auflösen können. Oder ob du ihn vielleicht verlassen hättest.

In jedem Fall wäre er dir eine große Hilfe gewesen. In diesem Sinn verdient er nicht nur deine Vergebung, sondern sogar deine Dankbarkeit. Und – weißt du was? Es war nicht sein Fehler, dass du die wahre Botschaft hinter seinem Verhalten nicht erkanntest.“ „Es ist sicher nicht leicht für dich, es so zu sehen: dass er versuchte, dir ein großes Geschenk zu machen. Wir haben nicht gelernt, es so zu sehen. Wir haben nicht gelernt, auf das Geschehen zu schauen und zu sagen: ‚Sieh mal an, was ich in meinem Leben erschaffen habe. Ist das nicht interessant?‘ Stattdessen haben wir gelernt, zu urteilen, zu beschuldigen und anzuklagen.

Wir haben gelernt, Opfer zu sein und Vergeltung zu suchen. Nicht erworben haben wir den Glauben daran, dass unser Leben von Kräften gelenkt wird, die über unser bewusstes Denken hinausgehen. Nicht erworben haben wir das Wissen darum, was in Wirklichkeit der Fall ist.“ „Tatsächlich war es nämlich Henrys Seele, die versucht hat, dich zu heilen. An der Oberfläche hat Henry nur seine sexuelle Leidenschaft ausgelebt. Doch seine Seele – die mit deiner Seele zusammenarbeitete – setzte diese Leidenschaft für dein spirituelles Wachstum ein.

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Diese Erkenntnis ist Radikale Vergebung. Der Sinn der Radikalen Vergebung liegt darin, die Wahrheit unter der Oberfläche der jeweiligen Lebensumstände zu sehen und jene Liebe zu erkennen, die dort jederzeit herrscht.“ Ich spürte, dass Jill die beschriebenen Prinzipien besser verstehen würde, wenn wir eine Beziehung zur aktuellen Situation herstellten. Also forderte ich sie auf: „Lass uns noch einmal auf Jeff zurückkommen und sehen, wie diese Prinzipien in deiner gegenwärtigen Beziehung aktiv sind. Am Anfang ist Jeff extrem liebevoll mit dir umgegangen. Er schwärmte für dich, tat alles für dich, kommunizierte mit dir. An der Oberfläche schien das Leben mit Jeff ziemlich gut zu sein.“ „Denk’ jedoch daran, dass dies nicht zu dem Bild passte, was du von dir selbst hattest – deinem Glauben über dich selbst.

Danach durftest du keinen Mann haben, der dir soviel Liebe entgegenbringt. Schließlich bist du ja nicht gut genug.“ Jill nickte zustimmend, aber wirkte noch immer unsicher und ziemlich perplex. „Deine Seele weiß, dass du diese Überzeugung heilen musst, also verbündet sie sich mit Jeffs Seele, um es dir deutlich zu machen. An der Oberfläche scheint es, als würde Jeff anfangen, sich seltsam und ungewöhnlich zu verhalten. Dann verhöhnt er dich, indem er eine andere Lorraine liebt und so dasselbe Theater veranstaltet, das du vor vielen Jahren mit deinem Vater durchlitten hast. Er scheint dich gnadenlos zu verfolgen, und du fühlst dich vollkommen hilflos und als Opfer. Beschreibt dies mehr oder weniger deine gegenwärtige Situation?“, fragte ich. „Ich glaube schon“, sagte Jill leise. Sie runzelte etwas die Stirn, als versuche sie, das neue Bild ihrer Situation allmählich klar zu sehen. „Nun, es ist mal wieder soweit.

Du hast die Wahl. Du kannst dich entscheiden, zu heilen und zu wachsen – oder Recht zu haben“, sagte ich und lächelte sie an. „Wenn du die Wahl triffst, die Leute normalerweise treffen, wirst du dich dafür entscheiden, lieber das Opfer zu sein und Jeff zu beschuldigen. Das ermöglicht es dir, im Recht zu sein. Schließlich scheint sein Verhalten ziemlich grausam und ungerecht. Es gibt zweifellos viele Frauen und Männer, die dich dabei unterstützen würden, solltest du als Reaktion darauf drastische Schritte einleiten. Haben nicht die meisten deiner Freunde gesagt, du solltest ihn verlassen?“ „Ja. Alle meinen, ich solle diese Ehe beenden, wenn er sich nicht ändert.

Ich hatte eigentlich gedacht, du würdest das auch sagen“, sagte sie mit einem enttäuschten Unterton. „ Vor ein paar Jahren hätte ich es wahrscheinlich auch getan“, sagte ich und lachte. „Seit meiner Einführung in diese spirituellen Prinzipien hat sich meine Sichtweise solcher Situationen jedoch geändert, wie du sehen kannst“, erklärte ich und lächelte John verschmitzt an. Er lächelte zurück, schwieg aber. Ich fuhr fort: „Du hast es sicher bereits vermutet. Die Alternative besteht darin, anzuerkennen, dass unter der Oberfläche des Geschehens noch etwas weitaus Bedeutenderes – und möglicherweise sehr Nützliches – vor sich geht.

Die Alternative besteht also darin, anzuerkennen, dass Jeffs Verhalten eine andere Botschaft beinhaltet, eine andere Bedeutung und Absicht; und dass sich in der Situation ein Geschenk für dich verbirgt.“ Jill dachte eine Weile nach und sagte dann: „Jeffs Verhalten ist so daneben, dass man sich schon ziemlich anstrengen muss, um eine vernünftige Erklärung dafür zu finden. Vielleicht geht da ja noch etwas vor sich, das ich momentan nicht sehe. Ich nehme an, es ist so ähnlich wie damals mit Henry. Doch es fällt mir schwerer, es bei Jeff zu sehen, weil ich im Moment so verwirrt bin. Ich kann nicht über das Geschehen hinaussehen.“ „Das ist in Ordnung“, versicherte ich ihr. „Du musst es nicht unbedingt herausfinden.

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Es reicht, wenn du bereit bist zuzugestehen, dass da noch etwas anderes stattfindet. Das ist schon ein großer Schritt. Die Bereitschaft, die Situation aus einer anderen Perspektive zu sehen, ist der Schlüssel zu deiner Heilung. Neunzig Prozent der Heilung geschehen in dem Moment, da du bereit bist, den Gedanken zuzulassen, dass deine Seele diese Situation in liebender Absicht für dich erzeugt hat. Durch diese Bereitschaft gibst du die Kontrolle ab an Gott. Er übernimmt die restlichen zehn Prozent. Wenn du auf einer tiefen Ebene die Einsicht, dass Gott dies für dich übernimmt, wirklich zulässt, dann brauchst du überhaupt nichts mehr zu tun. Die Lösung der Situation und deine Heilung werden sich automatisch ergeben.“ „Du kannst jedoch bereits vor diesem Schritt einen anderen, völlig rationalen Schritt machen. Er ermöglicht dir, die Dinge sofort in einem anderen Licht zu betrachten. Dies beinhaltet, dass du die Tatsachen von der Fantasie unterscheidest.

Es beinhaltet die Erkenntnis, dass deine Überzeugung keinerlei wirkliche, auf Tatsachen gründende Basis hat. Deine Überzeugung ist nichts anderes als eine von dir erfundene Fantasie – basierend auf einigen wenigen Erfahrungen und viel Interpretation.“ „Wir tun dies die ganze Zeit. Wir erleben ein Ereignis und stellen unsere Interpretationen an. Dann fügen wir beides zusammen und erfinden eine größtenteils unzutreffende Geschichte des Geschehens. Die Geschichte wird zum Glaubensmuster, und wir verteidigen es, als sei es die Wahrheit. Natürlich ist es dies niemals.“ „In deinem Fall waren die Tatsachen: Dad hat dich nicht umarmt, nicht mit dir gespielt, dich nicht festgehalten, dich nicht auf den Schoß genommen. Er ist deinen Bedürfnissen nach Zuneigung nicht entgegengekommen.

Das waren die Fakten. Auf der Basis dieser Fakten hast du eine wesentliche Schlussfolgerung getroffen: ‚Dad liebt mich nicht.‘ Stimmt’s?“ Sie nickte. „Die Tatsache, dass er deine Bedürfnisse nicht erfüllt hat, bedeutet jedoch nicht, dass er dich nicht geliebt hat. Das ist eine Interpretation, nicht die Realität. Er war ein sexuell verklemmter Mann, und Intimität war für ihn etwas Beängstigendes. Wir wissen das. Vielleicht wusste er nicht, wie er seine Liebe so zeigen konnte, wie du es gern gehabt hättest. Erinnerst du dich an das tolle Puppenhaus, das er dir einmal zu Weihnachten gebaut hat? Ich erinnere mich, wie er unzählige Stunden jeden Abend daran bastelte, wenn du schon im Bett lagst. Vielleicht war dies die einzige Möglichkeit für ihn, dir seine Liebe zu zeigen.“ „Ich will nicht etwa sein Verhalten entschuldigen oder das, was du gesagt und gefühlt hast, verneinen. Ich versuche nur zu verdeutlichen, dass wir alle einen Fehler machen: wir denken, unsere Interpretation entspreche der Wahrheit.“

„Deine nächste schwerwiegende Annahme“, fuhr ich fort, „basierte auf den Fakten und deiner ursprünglichen Interpretation, dass Dad dich nicht liebte. Sie lautete: ‚Es ist mein eigener Fehler. Es muss an mir etwas nicht in Ordnung sein.‘ Dies war eine noch größere Lüge als die ursprüngliche, findest du nicht?“ Sie nickte. „Ist es nicht erstaunlich, dass du zu dieser Schlussfolgerung kommst? Kinder denken so. Nach ihrer Wahrnehmung dreht sich die ganze Welt nur um sie. Wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, glauben sie immer, es sei ihre Schuld. Wenn ein Kind dies zum ersten Mal denkt, ist es sehr schmerzhaft. Um den Schmerz zu lindern, unterdrückt das Kind ihn, wodurch es jedoch noch schwieriger wird, diese Überzeugung wieder loszuwerden. Sogar als Erwachsene glauben wir noch: ‘Es ist meine Schuld, und irgendetwas ist mit mir nicht in Ordnung.‘“ „Jedesmal, wenn in unserem Leben die Erinnerung an diesen Schmerz oder den damit verbundenen Gedanken ausgelöst wird, gehen wir emotional in unsere Kindheit zurück. Wir fühlen und verhalten uns wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal den Schmerz empfindet.

Genau das passierte, als du sahst, wie meine Lorraine bei unserem Vater das Gefühl von Liebe weckte. Du warst 27 Jahre alt, aber in diesem Moment wurdest du wieder zur Zweijährigen, die sich ungeliebt fühlt. In diesem Moment hast du deine ganze kindliche Bedürftigkeit ausgelebt. Und du tust es noch immer, aber dieses Mal mit deinem Mann.“ „Die Überzeugung, auf die du all deine Beziehungen gegründet hast, basiert auf der Interpretation einer Zweijährigen. Sie hat keinerlei faktische Grundlage“, schloss ich. „Kannst Du das sehen, Jill?“, fragte ich sie. „Ja, ich sehe das“, erwiderte sie. „Ich habe anscheinend aufgrund dieser unbewussten Annahmen einige ziemlich alberne Entscheidungen getroffen, oder?“ „Ja, das hast du. Aber du hast sie getroffen, als du unter Schmerzen littest und noch zu jung warst, um es besser zu wissen. Obwohl du die Schmerzen unterdrückt hast, um sie loszuwerden, blieb die Überzeugung auf einer unterbewussten Ebene in deinem Leben aktiv. An diesem Punkt entschloss sich deine Seele, einige Dramen in dein Leben zu bringen, damit du dir deine Überzeugung zu Bewusstsein bringen kannst und die Gelegenheit bekommst, dich einmal mehr für die Heilung zu entscheiden.“

„Du hast in deinem Leben die Menschen angezogen, die dich direkt mit deinem eigenen Schmerz konfrontieren und dich die ursprüngliche Erfahrung erneut erleben lassen“, fuhr ich fort. „Genau das tut Jeff jetzt. Ich sage natürlich nicht, dass er das bewusst macht. Das ist nicht der Fall. Er ist wahrscheinlich über sein eigenes Verhalten ebenso verwundert wie du. Denk’ daran, es ist eine Interaktion von Seele zu Seele. Seine Seele weiß um deinen ursprünglichen Schmerz und darum, dass du ihn nicht heilen wirst, ohne noch einmal durch die Erfahrung zu gehen.“ „Wow!“, sagte Jill und atmete tief durch. Zum ersten Mal, seit wir über die Situation sprachen, konnte sie ihren Körper entspannen. „Es ist sicher eine völlig andere Art, die Dinge zu sehen, aber weißt du was? Ich fühle mich irgendwie erleichtert.

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Es ist, als sei ein Gewicht von meinen Schultern genommen – einfach durch das Gespräch mit dir.“ „Das liegt daran, dass sich deine Energie verschoben hat“, erwiderte ich. „Stell dir vor, wie viel Lebensenergie du aufbringen musstest, um die Geschichte von Dad und Lorraine aufrechtzuerhalten. Außerdem war unendlich viel Energie nötig, um die Gefühle von Trauer und Ablehnung zu unterdrücken, die sich um diese Geschichte rankten.

Die Tränen, die du gerade vergossen hast, haben dir ermöglicht, viel davon loszulassen. Du hast gemerkt, dass es sich ohnehin nur um eine Fantasie, eine Geschichte handelte. Welche Erleichterung das sein muss! Zusätzlich hast du noch viel Energie auf Jeff konzentriert – du musstest ihn anklagen, dich selbst anklagen, Opfer sein und Ähnliches.

Die Bereitschaft, die Situation neu und anders zu sehen, ermöglicht dir das Loslassen all dieser Energien. Sie durch dich hindurchgehen zu lassen. Kein Wunder, dass du dich leichter fühlst!“, lachte ich sie an. „Und wenn ich Jeff einfach verlassen hätte, statt zu verstehen, was hinter der Situation mit ihm vor sich geht?“ fragte Jill. „Deine Seele hätte jemand anderes in dein Leben gebracht, der dir helfen kann, zu heilen“, erwiderte ich sofort. „Doch du hast ihn nicht verlassen, oder? Du bist stattdessen hierher gekommen. Du musst verstehen, dass dein Treffen mit mir kein Zufall ist. In diesem System gibt es keine Zufälle. Du – oder vielmehr deine Seele hat diese Reise und damit die Gelegenheit, die Dynamik der Situation mit Jeff zu begreifen, herbeigeführt.

Deine Seele hat dich hierher geführt. Und Johns Seele stiftete zu diesem Zeitpunkt diese spezielle Reise an, sodass ihr gemeinsam hierherkamt. “ „Und was ist mit den zwei Lorraines“, fragte sich Jill. „Wie ist das vor sich gegangen? Das ist doch sicherlich auch kein Zufall.“ „In diesem System gibt es auch keine Zufälle. Stell dir einfach vor, deine Seele und die Seelen einiger anderer Menschen haben sich verschworen, um diese Situation zu erzeugen.

Nun schau dir an, wie perfekt es passte, dass an der ursprünglichen Situation ebenso wie am aktuellen Konflikt jeweils eine Person namens Lorraine beteiligt war. Einen deutlicheren, vollkommeneren Hinweis hätte man sich kaum vorstellen können. Es ist nur schwer vorstellbar, das Ganze sei keine sinnvolle Fügung, findest du nicht?“ „Und was soll ich jetzt damit anstellen?“, fragte Jill. „Es ist wahr, ich fühle mich leichter.

Doch was soll ich tun, wenn ich wieder nach Hause komme und Jeff treffe?“ „Es gibt nur sehr wenig, was du tun musst“, antwortete ich. „Von diesem Punkt an ist es eher eine Frage dessen, wie du dich fühlst. Spürst du, dass du nun kein Opfer mehr bist? Dass Jeff nicht mehr dein Peiniger ist? Siehst du, dass du exakt diese Situation brauchtest und wolltest? Spürst du, wie sehr dich dieser Mann liebt – auf der seelischen Ebene?“ „Was meinst du damit?“, fragte Jill. „Er war gewillt, alles zu tun, was nötig war, um dich an diesen Punkt zu bringen.

Dahin, dass du deine Überzeugungen über dich selbst in Frage stellst und erkennst, dass sie falsch sind. Er hat viel auf sich genommen, um dir zu helfen. Er ist von Natur aus kein grausamer Mensch, also muss es sehr hart für ihn gewesen sein. Nur wenige Männer hätten das für dich getan – auf die Gefahr hin, dich dabei zu verlieren. Jeff – oder vielmehr Jeffs Seele – ist ein wahrer Engel für dich. Wenn du das wirklich verstehst, wirst du ihm sehr dankbar sein. Außerdem wirst du nicht mehr länger für ihn ausstrahlen, du seiest nicht liebenswert. Du wirst vielleicht zum ersten Mal in deinem Leben imstande sein, Liebe zuzulassen. Du wirst Jeff verziehen haben, weil du dir klar darüber bist, dass nichts falsch gelaufen ist. Es war in jeder Hinsicht vollkommen.“ „Und ich verspreche dir“, fuhr ich fort, „dass Jeff sich in diesem Augenblick bereits verändert und sein seltsames Verhalten aufhört.

Seine Seele spürt bereits, dass du ihm vergeben und deine falsche Wahrnehmung deiner selbst aufgelöst hast. Wenn du deine Energie änderst, ändert sich auch seine Energie. Ihr seid energetisch miteinander verbunden. Die physische Entfernung ist irrelevant.“ Ich kam dann auf ihre Frage zurück: „Du brauchst nichts Besonderes zu tun, wenn du nach Hause kommst. Ich möchte sogar, dass du mir versprichst, erst einmal überhaupt nichts zu tun. Auf keinen Fall solltest du Jeff von deiner neuen Sicht der Dinge berichten. Ich möchte, dass du siehst, wie sich alles allein schon durch deine Wahrnehmung eurer Situation ändert.“ „Du wirst außerdem das Gefühl haben, dass du dich selbst geändert hast“, fügte ich hinzu. „Du wirst dich innerlich ruhiger, mehr in dir selbst und entspannter fühlen.

Du wirst eine innere Gewissheit ausstrahlen, die Jeff eine Zeit lang möglicherweise etwas seltsam vorkommt. Es wird eine Zeit brauchen, bis sich deine Beziehung zu ihm einrenkt. Möglicherweise ist es am Anfang noch etwas schwierig, doch das Problem wird sich nun lösen“, schloss ich voll Überzeugung. Jill und ich sprachen noch häufig über die Einzelheiten ihrer Situation, bevor sie wieder nach England zurückkehrte. Es ist immer schwierig für jemanden, die Perspektive der Radikalen Vergebung anzunehmen, wenn er emotional stark belastet ist.

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Um so weit zu kommen, dass Radikale Vergebung wirklich stattfinden kann, muss man sich damit häufig erst einmal gründlich befassen und sich diese neue Perspektive immer wieder vor Augen führen. Zur Unterstützung zeigte ich meiner Schwester einige Atemtechniken, die ihr dabei helfen würden, Gefühle freizusetzen und neue Lebensmöglichkeiten zu integrieren. Außerdem bat ich sie, ein Arbeitsblatt zur Radikalen Vergebung auszufüllen (siehe Teil IV: Werkzeuge zur Radikalen Vergebung). An dem Tag, als Jill abreiste, war sie offensichtlich etwas unsicher bei der Aussicht, in ihre alte Lebenssituation zurückzukehren.

Nachdem sie sich am Flugsteig verabschiedet hatte, schaute sie noch einmal zurück und versuchte, so zuversichtlich wie möglich zu winken. Doch ich wusste, sie hatte große Angst, ihr neu gefundenes Verständnis wieder zu verlieren und erneut in die Dramatik der Situation verwickelt zu werden.

Offensichtlich verlief das Wiedersehen mit Jeff dann zufrieden stellend. Jill bat ihn, sie nicht sofort darüber zu befragen, was mit ihr während ihrer Reise geschehen sei. Außerdem erbat sie sich während der nächsten Tage etwas Distanz, um sich einzufinden. Sie stellte jedoch sofort einen Unterschied bei Jeff fest. Er war aufmerksam, freundlich und einfühlsam – eher wie der Jeff, den sie aus der Zeit vor der traurigen Episode kannte. Während der nächsten Tage sagte Jill Jeff, sie mache ihn nicht mehr länger für irgendetwas verantwortlich.

Ebenso wenig wolle sie, dass er sich in irgendeiner Weise ändere. Sie habe herausgefunden, dass sie selbst für ihre Gefühle verantwortlich sei. Sie werde mit allem, was geschehe, auf ihre eigene Weise fertig werden, ohne ihm Vorwürfe zu machen. Sie ging nicht näher ins Detail und versuchte auch nicht, sich für irgendetwas zu rechtfertigen. Die Dinge liefen für einige Tage gut, und Jeffs Verhalten gegenüber seiner Tochter Lorraine änderte sich dramatisch. Tatsächlich schien in Hinblick auf ihre Beziehung alles wieder so zu werden wie früher. Doch die Atmosphäre zwischen Jeff und Jill war nach wie vor gespannt, und ihre Kommunikation blieb sehr eingeschränkt. Etwa zwei Wochen später spitzte sich die Situation zu. Jill schaute Jeff an und sagte leise: „Ich habe das Gefühl, ich habe meinen besten Freund verloren.“ „Ich auch“, erwiderte er. Zum ersten Mal seit Monaten verstanden sich die beiden.

Sie umarmten einander und weinten. „Lass uns reden“, sagte Jill. „Ich muss dir sagen, was ich mit Colin in Amerika gelernt habe. Es mag sich für dich vielleicht zuerst etwas seltsam anhören, aber ich möchte es dir erzählen. Du musst es mir nicht glauben. Willst du es hören?“ „Auf jeden Fall“, erwiderte Jeff. „Ich weiß, dass da etwas Wichtiges mit dir passiert ist. Ich möchte wissen, was! Du hast dich sehr zu deinem Vorteil verändert. Du bist nicht mehr derselbe Mensch, der damals mit John ins Flugzeug stieg. Erzähle mir, was geschehen ist.“ Jill redete und redete.

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Sie erklärte die Dynamik der Radikalen Vergebung, so gut sie konnte – und so, dass Jeff sie verstand. Sie fühlte sich stark und aktiv. Sie war ihrer selbst sicher und zuversichtlich, dass sie alles richtig begriffen hatte. Sie war klar in dem, was sie darüber dachte. Jeff, ein Praktiker, der allem, was nicht rational erklärbar ist, skeptisch begegnet, sträubte sich dieses Mal nicht. Im Gegenteil, er war sehr zugänglich.

Er zeigte sich sehr offen für die Vorstellung, dass sich hinter der alltäglichen Realität noch eine spirituelle Welt befindet. Auf dieser Basis erschien ihm das Konzept der Radikalen Vergebung einleuchtend. Er akzeptierte es zwar nicht vollständig, war aber bereit zuzuhören und es zu überdenken. Und zu sehen, wie dieses Konzept Jill verändert hatte. Nach ihrem Gespräch spürten beide, wie ihre Liebe wieder erwachte. Sie hatten das Gefühl, ihre Beziehung habe eine neue Chance. Sie machten einander jedoch keine Versprechungen und kamen überein, miteinander zu reden und zu sehen, wie ihre Beziehung sich entwickeln werde.

Tatsächlich entwickelte sich ihre Beziehung sehr gut. Jeff behandelte seine Tochter Lorraine noch immer sehr fürsorglich, aber nicht so sehr wie vorher. Jill merkte, dass sie sich kaum noch etwas daraus machte, – selbst wenn Jeff sich so benahm wie früher. Sie fühlte sich nicht mehr wie ein Kind, und sie ließ sich nicht mehr von ihrem alten Glauben über sich selbst leiten. Innerhalb eines Monates nach ihrem Gespräch über Radikale Vergebung endeten Jeffs alte Verhaltensmuster Lorraine gegenüber. Lorraine wiederum rief nicht mehr so häufig an und kam nicht mehr so oft zu Besuch. Sie führte wieder ihr eigenes Leben. Alles renkte sich allmählich wieder ein, und ihre Beziehung wurde sicherer und liebevoller als je zuvor. Jeff war der zuvorkommende und einfühlsame Mann, der er von Natur aus ist. Jill war weniger bedürftig, und Lorraine war viel glücklicher.

Im Nachhinein bin ich sicher: Jill und Jeff hätten sich scheiden lassen, wenn Jills Seele sie nicht nach Atlanta geführt hätte, um unser Gespräch zu ermöglichen. In einem großen Zusammenhang wäre dies sicherlich auch in Ordnung gewesen. Jill wäre jemand anderem begegnet, mit dem sie das Drama ihres Lebens

inszeniert und eine weitere Gelegenheit zur Heilung gefunden hätte. So hat sie die Chance zu heilen wahrgenommen und ist in ihrer Beziehung geblieben. Heute, viele Jahre nach dieser Krise, sind die beiden noch immer zusammen und führen eine glückliche Ehe. Wie wir alle inszenieren auch die beiden weiterhin dramatische Situationen. Doch sie wissen, wie sie diese als Gelegenheit zur Gesundung nutzen und so schnell und leicht wie möglich auflösen können.

Die kleine Seele spricht mit Gott – Neal Donald Walsch

Einmal, vor zeitloser Zeit, da war eine kleine Seele, die sagte zu

Gott: „Ich weiß, wer ich bin!“

Und Gott antwortete: „Oh, das ist ja wunderbar! Wer bist du denn?“

Die kleine Seele rief: „Ich bin das Licht!“

Und auf Gottes Gesicht erstrahlte das schönste Lächeln. „Du hast

recht“, bestätigte er, „du bist das Licht!“

Da war die kleine Seele überglücklich, denn sie hatte genau das

entdeckt, was alle Seelen im Himmelreich herausfinden wollen. „Hey“,

sagte die kleine Seele, „das ist ja Klasse!“

Doch bald genügte es der kleinen Seele nicht mehr, zu wissen, wer

sie war. Sie wurde unruhig, ganz tief drinnen, und wollte nun

sein, wer sie war. So ging sie wieder zu Gott. Es ist übrigens keine

schlechte Idee, sich an Gott zu wenden, wenn man das sein möchte,

was man eigentlich ist.

Sie sagte: „Hallo Gott! Nun, da ich weiß, wer ich bin, könnte ich es

nicht auch sein?“

Und Gott antwortete der kleinen Seele: „Du meinst, dass du sein

willst, was du schon längst bist?“

„Also“, sprach die kleine Seele, „es ist schon ein Unterschied, ob

ich nur weiß, wer ich bin, oder ob ich es auch wirklich bin. Ich

möchte fühlen, wie es ist, das Licht zu sein!“

„Aber du bist doch das Licht“, wiederholte Gott, und er lächelte

wieder.

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Doch die kleine Seele jammerte: „Ja, aber ich möchte doch wissen,

wie es sich anfühlt, das Licht zu sein!“

Gott schmunzelte: „Nun, das hätte ich mir denken können. Du warst

schon immer recht abenteuerlustig. Es gibt da nur eine Sache …“,

und Gottes Gesicht wurde ernst.

„Was denn?“ fragte die kleine Seele.

„Nun. Es gibt nichts anderes als Licht. Weißt du, ich habe nichts

anderes erschaffen als das, was du bist. Und deshalb wird es nicht

so einfach für dich, zu werden, wer du bist. Denn es gibt nichts,

das nicht so ist wie du.“

„Wie?“ fragte die kleine Seele und war ziemlich verwirrt.

„Stell es dir so vor“, begann Gott, „du bist wie der Schein einer

Kerze in der Sonne. Das ist auch richtig so. Und neben dir gibt es

noch viele Millionen Kerzen, die gemeinsam die Sonne bilden. Doch

die Sonne wäre nicht die Sonne, wenn du fehlen würdest. Schon mit

einer Kerze weniger wäre die Sonne nicht mehr die Sonne, denn sie

könnte nicht mehr ganz so hell strahlen. Die große Frage ist also:

Wie kannst du herausfinden, dass du Licht bist, wenn du überall von

Licht umgeben bist?

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Da sagte die kleine Seele frech: „Du bist doch Gott! Überlege dir

halt etwas!“

„Du hast recht!“ sagte Gott und lächelte wieder. „Und mir ist auch

schon etwas eingefallen. Da du Licht bist und dich nicht erkennen

kannst, wenn du nur von Licht umgeben bist, werden wir dich einfach

mit Dunkelheit umhüllen.“

“Was ist denn Dunkelheit?“ fragte die kleine Seele.

Gott antwortete: „Die Dunkelheit ist das, was du nicht bist.“

„Werde ich Angst davor haben?“ rief die kleine Seele.

„Nur, wenn du Angst haben willst“, antwortete Gott. „Es gibt

überhaupt nichts, wovor du dich fürchten müsstest, es sei denn, du

willst dich fürchten. Weißt du: die ganze Angst denken wir uns nur

selbst aus.“

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„Oh!“, die kleine Seele nickte verständig und fühlte sich gleich

wieder besser.

Dann erklärte Gott, dass oft erst das Gegenteil von dem erscheinen

müsse, was man erfahren wolle. „Das ist ein großes Geschenk“, sagte

Gott, „denn ohne das Gegenteil könntest du nie erfahren, wie etwas

wirklich ist. Du würdest Wärme nicht ohne Kälte erkennen, oben nicht

ohne unten, schnell nicht ohne langsam. Du könntest rechts nicht

ohne links erkennen, hier nicht ohne dort und jetzt nicht ohne

später. Und wenn du von Dunkelheit umgeben bist“, schloss Gott ab,

„dann balle nicht deine Faust, und erhebe nicht deine Stimme, um die

Dunkelheit zu verwünschen. Sei lieber ein Licht in der Dunkelheit,

statt dich über sie zu ärgern. Dann wirst du wirklich wissen, wer du

bist, und alle anderen werden es auch wissen. Lass dein Licht

scheinen, damit die anderen sehen können, dass du etwas Besonderes

bist.“

„Meinst du wirklich, es ist in Ordnung, wenn die anderen sehen

können, dass ich etwas Besonderes bin?“

„Natürlich!“ Gott lächelte. „Es ist sogar sehr in Ordnung. Doch

denke immer daran: etwas Besonderes zu sein heißt nicht,

‚besser’ zu sein. Jeder ist etwas Besonderes, jeder auf seine Weise. Doch die

meisten haben das vergessen. Erst wenn sie merken, dass es für dich

in Ordnung ist, etwas Besonderes zu sein, werden sie begreifen, dass

es auch für sie in Ordnung ist.“

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„Hey!“ rief die kleine Seele und tanzte, hüpfte und lachte voller

Freude. „Ich kann also so besonders sein, wie ich will!“

„Ja, und du kannst auch sofort damit anfangen“, sagte Gott, und

tanzte, hüpfte und lachte mit der kleinen Seele. „Wie möchtest du

denn besonders gerne sein?“

„Was meinst du mit wie?“ fragte die kleine Seele. „Das verstehe ich

nicht…!“

„Nun, das Licht zu sein bedeutet, etwas Besonderes zu sein. Und das

kann sehr viel bedeuten. Es ist etwas Besonderes, freundlich zu

sein. Es ist etwas Besonderes, sanft zu sein. Es ist etwas

Besonderes, schöpferisch zu sein. Es ist etwas Besonderes, geduldig

zu sein. Fallen dir noch andere Dinge ein, mit denen man etwas

Besonderes sein kann?“

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Die kleine Seele saß einen Moment lang ganz still da. Dann rief sie:

„Ja, ich weiß eine ganze Menge anderer Dinge, mit denen man etwas

Besonderes sein kann! Es ist etwas Besonderes, hilfreich zu sein. Es

ist etwas Besonderes, rücksichtsvoll zu sein, und es ist etwas

Besonderes, miteinander zu teilen!“

„Ja“, stimmte Gott zu, „und all das kannst du jederzeit auf einmal

sein – oder auch nur ein Teil davon. Dies ist die wahre Bedeutung

davon, Licht zu sein.“

“Ich weiß, was ich sein will! Ich weiß, was ich sein will!“ rief die

kleine Seele ganz aufgeregt „Ich möchte der Teil des Besonderen

sein, den man ‚Vergebung’ nennt. Ist zu vergeben nicht etwas

Besonderes?“

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„Oh ja!“ versicherte Gott der kleinen Seele. „Dies ist etwas ganz

Besonderes!“

„In Ordnung!“ sagte die kleine Seele. „Das ist es, was ich sein

will. Ich möchte Vergebung sein. Ich möchte mich selbst als genau

das erfahren.“

„Gut“, sagte Gott, „doch da gibt es noch eine Sache, die du wissen

solltest.“

Die kleine Seele wurde langsam etwas ungeduldig. Immer schien es

irgendwelche Schwierigkeiten zu geben. „Was denn noch?“ stöhnte sie.

“Es gibt keinen, dem du vergeben müsstest.“

„Keinen?“ Die kleine Seele konnte kaum glauben, was Gott da sagte.

„Keinen!“ wiederholte Gott. „Alles, was ich erschaffen habe, ist

vollkommen. Es gibt in meiner ganzen Schöpfung keine einzige Seele,

die weniger vollkommen wäre als du. Schau dich doch mal um.“

Da sah die kleine Seele, dass viele andere Seelen sich um sie herum

versammelt hatten. Sie waren von überall her aus dem Himmelreich

gekommen. Es hatte sich nämlich herumgesprochen, dass die kleine

Seele eine ganz besondere Unterhaltung mit Gott führte, und jede

Seele wollte hören, worüber die beiden sprachen. Als die kleine

Seele die unzähligen anderen Seelen betrachtete, musste sie zugeben,

dass Gott Recht hatte. Keine von ihnen war weniger schön, weniger

strahlend oder weniger vollkommen als sie selbst. Die anderen Seelen

waren so wundervoll, ihr Licht strahlte so hell, dass die kleine

Seele kaum hinsehen konnte.

“Wem willst du nun vergeben?“ fragte Gott.

„Au weia, das wird aber wenig Spaß machen!“ brummte die kleine Seele

vor sich hin. „Ich möchte mich selbst als jemand erfahren, der

vergibt. Ich hätte so gerne gewusst, wie man sich mit diesem Teil

des Besonderen fühlt.“ Und so lernte die kleine Seele, wie es sich

anfühlt, traurig zu sein.

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Doch da trat eine freundliche Seele aus der großen Menge hervor. Sie

sagte: „Sei nicht traurig, kleine Seele, ich will dir helfen.“

„Wirklich?“ rief die kleine Seele. „Doch was kannst du für mich

tun?“

„Ich kann dir jemand bringen, dem du vergeben kannst!“

„Oh wirklich?“

„Ja, ganz bestimmt“, kicherte die freundliche Seele. „Ich kann in

dein nächstes Erdenleben kommen und dir etwas antun, damit du mir

vergeben kannst.“

„Aber warum willst du das für mich tun?“ fragte die kleine Seele.

„Du bist doch ein vollkommenes Wesen! Deine Schwingungen sind so

hoch, und dein Licht leuchtet so hell, dass ich dich kaum anschauen

kann! Was bringt dich bloß dazu, deine Schwingungen so zu

verringern, dass dein Licht dunkel und dicht wird? Du bist so licht,

dass du auf den Sternen tanzen und in Gedankenschnelle durch das

Himmelreich sausen kannst. Warum solltest du dich so schwer machen,

um mir in meinem nächsten Leben etwas Böses antun zu können?“

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“Ganz einfach!“ sagte die freundliche Seele. „Weil ich dich lieb

habe!“

Diese Antwort überraschte die kleine Seele.

„Du brauchst nicht erstaunt zu sein“, sagte die freundliche Seele.

„Du hast das selbe auch für mich getan. Weißt du es nicht mehr? Wir

haben schon so oft miteinander getanzt. Ja, du und ich! Wir haben

durch Äonen und alle Zeitalter hindurch und an vielen Orten

miteinander gespielt. Du hast es nur vergessen. Wir beide sind schon

alles gewesen. Wir waren schon oben und waren unten, wir waren schon

rechts und waren links. Wir waren hier und waren dort, wir waren im

Jetzt und waren im Später. Wir waren schon Mann und waren Frau, wir

waren gut und waren schlecht – beide waren wir schon das Opfer, und

beide waren wir der Schurke. So kommen wir immer wieder zusammen und

helfen uns immer wieder, das auszudrücken, was wir wirklich sind.

Und deshalb“, erklärte die freundliche Seele weiter, „werde ich in

dein nächstes Erdenleben kommen und der Bösewicht sein. Ich werde

dir etwas Schreckliches antun, und dann kannst du dich als jemand

erfahren, der vergibt.“

“Aber was wirst du tun?“ fragte die kleine Seele, nun doch etwas

beunruhigt. „Was wird denn so schrecklich sein?“

„Oh“, sagte die freundliche Seele mit einem Lächeln, „uns wird schon

was einfallen!“

Dann wurde die freundliche Seele sehr ernst und

sagte mit leiser Stimme: „Weißt du, mit einer Sache hast du

vollkommen recht gehabt.“

„Mit was denn“, wollte die kleine Seele wissen.

„Ich muss meine Schwingung sehr weit herunterfahren und sehr schwer

werden, um diese schreckliche Sache tun zu können. Ich muss so tun,

als ob ich jemand wäre, der ich gar nicht bin. Und dafür muss ich

dich um einen Gefallen bitten.“

„Du kannst dir wünschen, was du willst!“ rief die kleine Seele,

sprang umher und sang: „Hurra, ich werde vergeben können! Ich werde

vergeben können!“ Da bemerkte die kleine Seele, dass die freundliche

Seele sehr still geworden war. „Was ist? Was kann ich für dich tun?“

fragte die kleine Seele. „Du bist wirklich ein Engel, wenn du diese

schreckliche Sache für mich tun willst!“

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Da unterbrach Gott die Unterhaltung der beiden Seelen: „Natürlich

ist diese freundliche Seele ein Engel! Jedes Wesen ist ein Engel!

Denke immer daran: Ich habe dir immer nur Engel geschickt!“

Die kleine Seele wollte doch so gern den Wunsch der freundlichen

Seele erfüllen und fragte nochmals: „Sag schon: Was kann ich für

dich tun?“

Die freundliche Seele antwortete: „In dem Moment, in dem wir

aufeinander treffen und ich dir das Schreckliche antue – in jenem

Moment, in dem ich das Schlimmste tue, was du dir vorstellen kannst,

also in diesem Moment…“

„Ja?“ sagte die kleine Seele, ja…?“

Die freundliche Seele wurde noch stiller: „…denke daran, wer ich

wirklich bin!“

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„Oh, das werde ich bestimmt!“ rief die kleine Seele. „Das verspreche

ich dir! Ich werde mich immer so an dich erinnern, wie ich dich

jetzt hier sehe!“

„Gut!“ sagte die freundliche Seele. „Weißt du, ich werde mich so

verstellen müssen, dass ich mich selbst vergessen werde. Und wenn du

dich nicht erinnerst, wie ich wirklich bin, dann werde ich mich

selbst für eine sehr lange Zeit auch nicht daran erinnern können.

Wenn ich vergesse, wer ich bin, dann kann es passieren, dass auch du

vergisst, wer du bist. Und dann sind wir beide verloren. Dann

brauchen wir eine weitere Seele, die in unser Leben kommt und uns

daran erinnert, wer wir wirklich sind.“

Doch die kleine Seele versprach noch einmal: „Nein, wir werden nicht

vergessen, wer wir sind! Ich werde mich an dich erinnern! Und ich

werde dir sehr dankbar dafür sein, dass du mir dieses große Geschenk

machst – das Geschenk, dass ich erfahren darf, wer ich wirklich

bin.“

Und so schlossen die beiden Seelen ihre Vereinbarung. Die kleine

Seele begab sich in ein neues Erdenleben. Sie war ganz begeistert,

dass sie das Licht war, das so besonders ist, und sie war so

aufgeregt, dass sie jener Teil des Besonderen sein durfte, der

‚Vergebung‘ heißt. Sie wartete begierig darauf, sich selbst als

Vergebung erfahren zu können und der anderen Seele dafür danken zu

dürfen, dass sie diese Erfahrung möglich gemacht hat.

Und in jedem Augenblick dieses neuen Erdenlebens, wann immer eine neue Seele

auftauchte, ob sie nun Freude oder Traurigkeit brachte – natürlich

besonders wenn sie Traurigkeit brachte –, fiel der kleinen Seele

ein, was Gott ihr einst mit auf den Weg gegeben hatte: „Denke stets

daran“, hatte Gott mit einem Lächeln gesagt, „ich habe dir immer nur

Engel geschickt!“

Aus: Neale Donald Walsch, Ich bin das Licht – Die kleine Seele spricht mit GOTT

Edition Sternenprinz, 1999

Der kleine Engel Abigail

Abigail antwortete eines Tages auf ein Inserat im „Engel-Anzeiger“. „ENGEL GESUCHT“ stand da, und zwar solche, die willens wären, sich für die Teilnahme an einem großartigen Spiel auf der Erde zu inkarnieren. Und so war der Wortlaut der Anzeige: ENGEL GESUCHT! Voraussetzung: Erfahrung im Bereich Inkarnation Erwünscht: Bereitschaft zum Reisen. Geboten wird die Teilnahme am größten derzeit bekannten Projekt der Jetzt-Zeit. Das Projekt trägt die Bezeichnung „PLANET ERDE“. Bewerbung nur für Fortgeschrittene möglich! (Anfänger zwecklos) Nun, Abigail war schon einmal auf der Erde gewesen, genau zwei irdische Tage lang. Und so hoffte sie, das sei Qualifikation genug für den Job. Vor dem eigentlichen Bewerbungsgespräch saß sie im Wartezimmer zusammen mit anderen Engelbewerbern, die alle viel älter waren als sie selbst, und lauschte deren Erzählungen über ihre unterschiedlichen Inkarnations-Erlebnisse auf dem Planeten Erde.

Was sie zu hören bekam, ließ ihren Wunsch nur noch umso größer werden, sie wollte unbedingt auch dorthin. Schließlich war Abigail an der Reihe und wurde hinein gebeten in das Büro des *Personalchefs für Freiwillige Engel*. Der warf nur einen Blick auf diesen winzigen Engel vor ihm und kratzte sich an der geistigen Essenz seines Kinns. „Abigail, Abigail, Abigail … wie um Himmelswillen bist du nur auf die Idee gekommen, dass diese Position etwas sein könnte für so ein winziges Etwas an Unerfahrenheit wie dich?! Abigail – es handelt sich hierbei um einen sehr schwierigen und knochenharten Auftrag!“

Der *Personalchef für Freiwillige Engel* lächelte auf sie herab, während er sprach. „Zuerst einmal musst du eine Liste anfertigen mit all den Erfahrungen, die du auf der Erde gewillt bist zu machen, und das muss sorgfältig geplant sein. Vergiss nicht, je härter die Erfahrung ist, desto schneller verläuft dein persönliches Wachstum“, fuhr er dann fort. „Danach musst du diesen Plan deinem *Engel-Laufbahnberater* zur Überprüfung einreichen. Und falls dein Berater zustimmen sollte, dann musst du losgehen und dir für jeden einzelnen Teil deines Plans die erforderlichen Teilnehmer zusammensuchen, die Spieler, die Retter in der Not, die Gegner.

Viele diese Spieler befinden sich bereits auf dem Planeten Erde, daher muss zunächst Kontakt aufgenommen werden mit ihrer geistigen Essenz hier, damit sie sich mit dem Vertrag einverstanden erklären können“, umriss der Personalchef die Problematik des Falls. „Abigail, beim letzten Mal bist du nur als Ersatzspieler für jemand anderen eingesprungen, und das auch nur für ganze zwei Tage, und du hast es verabscheut! Wieso also jetzt? Weißt du nicht mehr, als du zurückkamst, wie schrecklich du das alles gefunden hast? Weißt du noch, wie du geschworen hast, du würdest so etwas niemals wieder tun?“ fragte der Personalchef.

„Ich weiß, Sir, aber es fühlt sich so an, als müsste ich es einfach tun, damit ich mehr Erfahrungen sammeln kann und schneller weiterkomme auf meiner Evolutions-Spirale. Ich meine, sehen Sie mich doch an, Sir – ich bin immer noch winzig, und dabei bin ich doch schon so lange hier! Ja natürlich weiß ich, dass es auch andere Möglichkeiten zum Wachstum gibt – aber die sind alle so furchtbar langsam! Bitte nehmen Sie mich, Sir! Ich werde mich selbst bestimmt nicht enttäuschen, wenn Sie es tun!“ beteuerte Abigail ernsthaft.

„Abigail, du weißt, wie schwer es mir schon immer gefallen ist, dir etwas abzuschlagen. Also gut, geh und stelle deine Liste zusammen und mache einen Termin mit deinem Laufbahnberater! Ich rufe ihn an und sage ihm, dass ich einverstanden bin“, gab der Personalchef schließlich nach. „Vielen Dank, Sir! Ich verspreche Ihnen, sie werden stolz auf mich sein können. Vielen Dank, dass Sie mir die Chance geben, Sir! Ach, und würden Sie bitte dem Schöpfer ausrichten, dass ich mich auch bei Ihm bedanke, Sir?“

Und damit schickte Abigail sich an, den himmlischen Verwaltungstrakt wieder zu verlassen. „Ich werde es dem Schöpfer ausrichten, Abigail, aber ich bin nicht ganz sicher, ob es wirklich das ist, was der Schöpfer für dich im Sinn hatte, als er dich ins Sein hauchte. Die Blaupause, die er dir mitgab, sieht eigentlich keine solchen Aktivitäten für dich vor!“ Die Stimme des Personalchefs klang ein wenig betrübt, als er das sagte. „Ich weiß, Sir“, sagte Abigail bittend, „aber dies ist es, was ich wirklich ausprobieren will!“ Und damit verschwand sie endgültig.

Abigail arbeitete und schuftete, bis sie endlich ihre Liste mit den Erfahrungen zusammengestellt hatte, die sie für ihr eigenes Wachstum zu durchleben gewillt war. Sie war ganz tief in sich hineingegangen und hatte dort dieses unbändige Verlangen, diese unstillbare Absicht zu wachsen gefunden. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass irgendetwas sie davon abhalten könnte, die nächsten Schritte auf ihrer Entwicklungsspirale zu tun – alles würde sie auf sich nehmen, wenn sie nur endlich wuchs! Neben jedem Ereignis auf der Liste hatte sie sorgfältig vermerkt, welche Mitspieler sie jeweils für die erforderlichen Rollen brauchen würde und mit wem sie einen Vertrag darüber abschließen musste.

Dann meldete Abigail sich im Büro ihres *Engel-Laufbahnberaters*. Sie präsentierte ihrem Berater sowohl die Liste mit den geplanten Erlebnissen als auch die Auflistung aller erforderlichen Mitspieler. Der *Engelberater* vertiefte sich in die Liste und las sie aufmerksam durch. Dann hob er den Kopf und musterte den winzigen Engel nachdenklich. „Abigail, deine Liste hat es aber ordentlich in sich! Und du bist absolut sicher, dass du wirklich durch all diese Schrecken, alle die Tränen und die Trauer und die Verzweiflung hindurch willst, nur damit du schneller wächst? Du weißt, es gibt auch andere Möglichkeiten zu wachsen – wir sprechen ja nicht zum ersten Mal darüber!“

Abigail antwortete: „Ja, das ist wahr, wir haben schon öfter darüber gesprochen. Aber dies hier sind alles hilfreiche Erfahrungen, die ich dringend brauche, damit ich meine jetzigen Engelziele erreichen kann.“ „Ich verstehe“, sagte der *Berater-Engel*, „schließlich war auch ich einmal ein kleiner Engel. Du erinnerst dich aber noch an deine letzte Erfahrung, nicht wahr?“ setzte er seine Befragung fort. „Ja“, gab Abigail zu, „aber dies hier ist wirklich wichtig für mich. Bitte helfen Sie mir dabei, damit ich das tun kann!“ „Abigail, ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann. Nur – für uns hier wird es sehr schwer sein mit anzusehen, wie du durch diese Liste der Schrecken gehst, die du dir da ausgearbeitet hast!“ stellte der *Engelberater* fest. Und er mahnte noch einmal zur Vorsicht: „Wenn du erst auf der Erde bist, dann bist du an den Vertrag gebunden und musst wirklich da hindurch, denn ein Zurück gibt es dann nicht mehr. Hast du das auch wirklich gut verstanden?“

„Ja, das ist mir klar“, antwortete Abigail und fühlte, wie die Anspannung allmählich in ihr wuchs. „Aber ich kann es schaffen!“ „Und du weißt auch, dass es noch eine alternative Möglichkeit gibt, nicht wahr, Abigail? Du könntest zum Beispiel für jemand anderen ein Schutzengel sein. Auch das würde dir die Gelegenheit zum Wachstum und zu irdischen Erfahrungen geben!“ wandte der Engelberater noch einmal ein. „Weiß ich“, sagte Abigail. „Aber es dauert dann viel länger mit dem Wachsen als bei diesem Weg hier! Wachstum ist für mich jetzt am allerwichtigsten!“ „Okay. Dann geh und sammele deine Mitspieler ein und sag ihnen, sie sollen einen Termin bei mir machen!“ Der *Berater-Engel* musste sich seine Zustimmung förmlich abringen. „Vielen, vielen Dank! Ich wusste, dass ich mich auf Ihre Hilfe und Unterstützung verlassen kann!“ freute sich Abigail.

„Da wäre noch eine Sache, Abigail“, hielt der *Berater-Engel* den kleinen Engel noch zurück. „Ich selbst werde mich freiwillig als einer deiner Schutzengel melden. Zumindest kann ich dir dann die Liebe schicken, die du so sehr verdienst, selbst wenn du dich weder an dieses Gefühl noch an mich erinnern kannst, solange du dort bist! Abigail – dir ist doch klar, wie schwer es uns fallen wird, mir und all denen, die du ausgewählt hast, das alles mit anzusehen …?“ Abigail schaute ihrem Engelberater in die Augen. „Ja. Dass Du bei mir sein wirst dort, das bedeutet mir sehr viel. Ich weiß, es wird mir helfen. Danke!“

„Abigail, die Materie ist so dicht auf der Erde und deine Erinnerung wird vollkommen vor dir verborgen sein, wie hinter einem dichten Schleier, aber ich versichere dir, ich werde tun, was immer in meiner Macht steht, damit du dich erinnerst!“ versprach der *Berater-Engel* noch. Abigail lächelte, aber sie wirkte noch ein bisschen angespannter, als sie ihr Dankeschön wisperte. Alle geplanten Mitspieler fanden sich nach und nach im Büro des *Berater-Engels* ein und erklärten sich traurig mit den ihnen zugedachten Rollen einverstanden. Sie alle hofften immer noch, Abigail würde ihre Meinung noch ändern und mindestens die Hälfte von ihrer Erfahrungsliste streichen. Niemand wollte wirklich die für ihn vorgesehene Rolle spielen, sie alle redeten fieberhaft auf Abigail ein und versuchten, sie davon abzubringen. Keiner von ihnen war sich sicher, ob Abigail überhaupt ahnte, zu was sie sich da verpflichtete.

Aber weil sie den kleinen Engel alle so sehr liebten, stimmten sie schließlich schweren Herzens zu. Die Rollen, die die meisten von ihnen zu spielen hatten, waren abscheulich und gemein, und niemand wollte das eigentlich. Aber sie verstanden Abigails Sehnsucht nach Wachstum, und daher akzeptierten sie es schließlich in bedingungsloser Liebe. Abigail nahm mit ihrer künftigen irdischen Mutter über deren spirituelles Selbst Kontakt auf. Ein Geburtsvertrag wurde geschlossen und das irdische Datum dafür festgesetzt. Die spirituellen Essenzen aller bereits auf der Erde befindlichen Mitspieler wurden ebenso kontaktiert und unter Vertrag genommen. Der Zeitpunkt für Abigails Abstieg in die Materie war gekommen. Ein letztes Mal verhandelten alle mit Abigail und flehten, sie möge ihnen doch den Vertrag erlassen – aber es nützte nicht das Geringste. Wer nicht bereits auf der Erde war, stellte sich in einer Reihe auf, um sich alle seine Erinnerungen tief verschleiern und anschließend den kleinstmöglichen Anteil seiner Essenz vom Großen Selbst abtrennen zu lassen. Und sie alle erlebten, wie dieses winzige Teilchen ihrer wahren Essenz hinaus in die Dunkelheit geschleudert wurde – es fiel und fiel und fiel und wurde dabei immer schwerer und schwerer, bis es schließlich in sein materielles Gefäß, in seinen biologischen Körper eintauchte.

Abigails Schutzengel und die Schutzengel aller Mitspieler hatten bereits auf ihre Ankunft gewartet. Und so konnten ihre Erfahrungen auf der Erde beginnen. Abigails spirituelle Familie und ihre Schutzengel schwebten um eine von Hunger geplagte aidskranke Mutter herum, die gerade im Begriff war, ihr siebtes Kind zur Welt zu bringen. Alle sechs Kinder waren ihr gestorben, denn die Mutter konnte nicht einmal sich selbst ernähren, geschweige denn ihre Kinder. Diese Mutter lebte in einer der gewalttätigsten Gegenden der Erde. So kam also Abigail als Kind einer an AIDS erkrankten Mutter zur Welt, und diese gab ihr nach der Geburt den Namen Mary.

Mary war selbst mit dem Virus infiziert. Die Mutter nahm dieses winzig kleine, halbverhungerte Baby in die Arme, drückte es an sich und konnte einfach nur weinen. Die Mutter sah ihr noch feuchtes Neugeborenes voller Liebe an und sagte: „Weißt du, ich kann dich nicht füttern, und ich bin selbst so krank. Ich weiß nicht, was aus Dir werden soll, aber vielleicht überlebst du ja.“ Und eine Träne rollte über ihre Wange und benetzte Marys kleines, nasses Gesichtchen. Mary schrie und schrie, hungrig, nass und voller Angst. Ihre spirituelle Familie und ihre Schutzengel versammelten sich ganz dicht um sie und
sandten ihr Liebe.

Alle Essenzen der Höheren Selbste sahen zu und sandten ihr ebenfalls ihre Liebe. Es schien so, als würde sich Mary ein wenig beruhigen, aber das hielt nur für wenige Augenblicke vor. Dann begann sie wieder zu weinen. Soldaten hörten das Babygeschrei und traten die Kiste beiseite, unter der Marys Mutter während der Geburtswehen Schutz gesucht hatte. Die Mutter töteten sie mit einem einzigen Schuss. Das wenige Minuten alte Neugeborene packten sie an einem Beinchen, äußerten etwas wie „noch so ein Mädchen – das fehlt gerade noch“ und schleuderten es gegen eine Mauer. Marys winziger Kinderkörper wurde schlaff. Die Soldaten kümmerten sich nicht weiter darum, ob Mary tot war oder nicht und gingen weiter.

Ihre spirituelle Familie und ihre Schutzengel aber schwebten ganz nah an sie heran, Marys Höheres Selbst sandte starke Strahlen der Liebe. Sie versuchten sie mitzunehmen, aber Mary klammerte sich an ihr irdisches Leben und wollte nicht loslassen. Da sandten sie ihr Liebe und weinten um sie und sandten ihr noch mehr Liebe.

Eine alte Frau bog um die Ecke und als sie das Baby sah, nahm sie es auf. Sie hüllte es in ihr Schultertuch und nahm es mit. Füttern konnte sie Mary nicht, aber sie konnte sie ein paar Augenblicke lang in den Armen halten und ihr Liebe geben. Dieses arme kleine Mädchen tat ihr so unendlich leid. Es war kein Leben für Frauen in diesem Land, das von Hass überschwemmt war. Die alte Frau brachte Mary zu einer Gruppe anderer Frauen, die um ein Lagerfeuer saßen, um sich ein wenig aufzuwärmen. Eine von ihnen hatte gerade ihr eigenes Baby verloren, das sie selbst gestillt hatte. Sie nahm das schlaffe kleine Mary-Bündel auf den Arm und versuchte das Baby zu säubern, so gut sie es ohne Wasser eben vermochte. Sie begann leise zu singen und wiegte das Kleine hin und her. Mary öffnete schließlich die Augen. Die freundliche Frau schenkte ihr ein Lächeln, dann gab sie ihr die Brust und Mary schlief ein.

Marys Höheres Selbst ließ sie nicht aus den Augen und schickte Liebesstrahlen hinunter, während ihre spirituelle Familie und ihre Schutzengel niemals von ihrer Seite wichen. Marys Leben verbesserte sich auch danach nicht, sondern eine schreckliche Erfahrung folgte auf die andere. Marys Höheres Selbst strahlte unermüdlich Liebe auf sie herab, und immer waren ihre Schutzengel bei ihr, genau wie ihre spirituelle Familie. Sie sandten ihr Liebe, sie verließen sie niemals. Sie besuchten sie in ihren Träumen und versuchten beständig, Marys Erinnerung wachzurufen, damit sie wieder wusste, wer sie waren und dass sie jedes einzelne ihrer schrecklichen Erlebnisse selbst geplant hatte. Mary aber fühlte sich einfach nur allein, traumatisiert und in ständiger Angst gefangen. Ihr Leben währte zwar im Verhältnis zu vielen anderen der Dorfbewohner nur kurz, 15 Jahre, aber das tat nichts zur Sache. Tag
für Tag erwachte Mary und wünschte, sie wäre tot.

AIDS hatte ihren Körper fast völlig zerstört. Sie hatte Hunger, sie war krank, sie fühlte sich von niemandem geliebt. Marys Höheres Selbst sah das alles und strahlte Liebe herab, ihre Schutzengel und ihre spirituelle Familie waren immer da und schickten ihr Liebe. Sie ließen nicht nach in ihren Bemühungen, den Kontakt mit ihr herzustellen, und sie bedienten sich dabei der äußersten Mittel, die das Universelle Gesetz des Freien Willens gerade noch zuließ. Aber kein Funke der Erinnerung dämmerte. Der Augenblick kam, als sie ihren letzten irdischen Atemzug tat.

Marys Höheres Selbst sah zu, strahlte Liebe und freute sich auf die Wiedervereinigung, Ihre Schutzengel und ihre spirituelle Familie waren die ganze Zeit über niemals von ihrer Seite gewichen. Erst als sie ihren letzten Atemzug tat, da glomm ein Funke des Wiedererkennens in Mary auf, als nämlich ihr Schutzengel (ihr ehemaliger Berater-Engel) mit ihr sprach und ihr erklärte, was da vor sich ging und dass es Zeit sei, nach Hause zurückzukehren. Sie lächelte und wandte ihm ihr Gesicht zu, dann begann sie mit ihm zu reden.

Die paar Menschen, die sich um ihren sterbenden Körper versammelt hatten, konnten sich nicht erklären, warum sie lächelte und mit wem sie da zu sprechen versuchte. Die Engel und ihre spirituelle Familie scharten sich um ihre winzige Essenz, als diese das Gefäß der Materie verließ und die Rückreise antrat, um sich wieder mit der Hauptessenz ihres Höheren Selbsts zu vereinen. Ihr *Berater-Engel* (der ehemalige Schutzengel) erklärte ihr: „Abigail, du wirst eine Zeit der Stille und der Reflexion brauchen, um das zu verarbeiten und in dich aufzunehmen, was du während dieser Inkarnation erlebt hast. Es ist also vollkommen in Ordnung, wenn du jetzt nicht sprechen möchtest. Wir sind so überaus stolz auf dich! Du hast tatsächlich getan, was du geplant hattest und du hast dein Bestes gegeben. Du hast dir wahrlich das Wachstum verdient, nach dem du so verlangt hast auf dieser Reise!“

Abigail lächelte, sah ihren *Berater-Engel* an und sagte: „ Weißt du, während ich mitten drin war, schien es mir überhaupt nicht so traurig zu sein wie während der Rückschau, als ich es mit meinen spirituellen Augen noch einmal an mir vorbei ziehen ließ! Du hattest so Recht damals – bevor ich ging, hatte ich gar nicht richtig begriffen, wie viel Trauma ich tatsächlich für mich eingeplant hatte. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Auf der Erde habe ich manchmal im Traum gemerkt, dass ihr versucht habt, Kontakt mit mir aufzunehmen. Ich habe jedes Mal versucht, einen Schritt in Eure Richtung zu tun – und dann war der Moment auch schon wieder vorbei.“
Sie sah hinüber zu all den anderen, die ihren Rollenvertrag zu ihrem Drama mit ihr abgeschlossen hatten und sagte: „Ich möchte Euch danken dafür, dass ihr das für mich getan habt! Und ich möchte, dass Ihr mir verzeiht. Ich weiß jetzt, dass ich euch gebeten habe, die Rollen eines Mörders und Vergewaltigers und aller möglichen gemeinen Wesen zu übernehmen. Ihr habt das getan, weil ihr mich liebt. Ich konnte dadurch mein Wachstum bewerkstelligen, und dafür bin ich euch allen zutiefst dankbar! Niemand nennt mich jetzt mehr *die winzige Abigail*, denn ich bin in dieser Zeit unglaublich gewachsen!“

von Carolyn Ann O’Riley.