Pilze

Weltweit gibt es mehr als 100.000 verschiedene Pilzarten und längst sind noch nicht alle entdeckt. Forscher, die zu Expeditionen in die Tropen aufbrechen, entdecken ständig neue Arten. Allein in Europa lassen sich an die 3000 Großpilzarten finden. Bei guten Bedingungen können wir sie im Spätsommer und Herbst in unseren Wäldern finden. Das Reich der Pilze ist bis heute ein großes Geheimnis und bislang weitgehend unerforscht. Die Alte Sebiriens erzählen von den Pilzen als den Kindern des Waldes. Rund 70 Prozent der heimischen Pilzarten gelten als reine Waldbewohner. Wie Moose existieren sie nunmehr seit 400 Millionen Jahren in kaum zu übertreffender Vielfalt, Vielzahl und Schönheit. Sie haben alle Kontinente der Erde erobert.

Was wir im Spätsommer und Herbst zu sehen bekommen und was nicht zuletzt in unseren Pfannen und Soßen landet, sind allerdings nur die Fruchtkörper der Pilze. Der eigentliche Pilz befindet sich unter der Erde, im Falllaub der Bäume und Sträucher, in morschem Holz oder einfach im Boden.

Pilze bestehen unterirdisch aus zahllosen und dünnsten Fäden, sodass man den Eindruck gewinnen könnte, es handle sich um ein Spinnennetz. Ihr Wachstum scheint sich auf den ersten Blick mit dem der Pflanzen zu gleichen, doch gehören sie weder zur Pflanzengattung und weiter gibt es zu diesen gravierende Unterschiede. Nur die Pflanzen sind in der Lage aus dem Sonnenlicht Energie zu gewinnen und Chlorophyll zu produzieren.

Pilze können das nicht, wissen aber, wie sie anderweitig an die benötigte Energie für ihr Wachstum herankommen. Beispielsweise gehen sie Symbiosen mit Bäumen ein oder viel mehr mit deren Wurzeln. Die Bäume des Waldes sind neben dem Licht auf einen enormen Vorrat an Wasser angewiesen. Ihre Wurzeln bilden daher feinste Härchen aus, um ihre Oberfläche zu vergrößern. Unter normalen Umständen und wenn nicht gerade Trockenzeiten herrschen, ist das auch völlig ausreichend, denn so sind sie in der Lage genügend Feuchtigkeit aufzusaugen.

Doch mehr ist immer besser, gerade dann, wenn durch wenig Niederschläge und Hochsommerzeiten das Wasser ein wenig knapp zu werden scheint. So haben sich also die Bäume vor Jahrmillionen mit den Pilzen verbündet. Die Pilze wachsen mit ihrem unterirdischen Geflecht zwischen den Baumwurzeln und dringen sogar in diese ein. So werden die Bäume durch sie mit allem versorgt, was sie benötigen. Die Zellwände der Pilze sind aus Chitin aufgebaut. Sie können keine eigene Fotosynthese betreiben und sind so auf organische Verbindungen mit anderen Lebewesen angewiesen.

Das unterirdische Wattegeflecht der Pilze wird von Wissenschaftlern als Myzel bezeichnet. Im Laufe der Jahrzehnte und auch schon in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden, breitete sich dieses immer weiter aus. So kann dessen Ausbreitung eine Größe von mehreren Quadratkilometern erreichen. Im Bundesstaat Oregon findet sich beispielsweise ein Hallimasch mit einer Größe von neun Quadratkilometern. Sein Alter wird auf 2400 Jahre geschätzt. Pilze sind also die größten bekannten Lebewesen der Erde.

Allerdings ist der hier genannte Pilz ein Feind der Bäume, da er sich um zu wachsen von ihnen ernährt und dabei Gewebe abtötet. Doch können die passenden Pilze durch ihre Myzel, wenn sie den passenden Baumpartner finden sich ebenso um einiges vervielfältigen. So findet sich zum Beispiel der Eichenreizker unter Eichen und kann so viel mehr Wasser und Nährstoffe ansaugen.

In Bäumen, die in Symbiose mit Pilzen leben, lässt sich wesentlich mehr Stickstoff und Phosphor nachweisen, als bei denjenigen, die allein mit ihren Wurzeln im Erdreich saugen. Beide Partner arbeiten zusammen, denn der Pilz durchdringt und umschließt  nicht nur die Wurzeln des Baumes, sondern breitet sein Netz auch im umliegenden Waldboden aus.

So entsteht das Netzwerk, mithilfe dessen nicht nur Nährstoffe ausgetauscht werden, sondern auch Informationen, wie zum Beispiel einen drohenden Schädlingsbefall. Pilze sind deshalb soetwas wie das Internet des Waldes, welches aus wissenschaftlicher Sicht auch das Wood-Wide-Web genannt wird. Doch Pilze tun das alles nicht einfach nur so und nicht ganz uneigennützig.

Wie weiter oben schon beschrieben, müssen Pilze eine Partnerschaft mit anderen Lebewesen eingehen. Ohne diese würden sie ganz einfach verhungern. Als verlangen sie von ihren Partnern eine Art Ausgleich oder quasi Bezahlung dafür, dass sie helfen diesen gesund zu halten. Dieser Ausgleich findet in Form dessen statt, dass der Pilz beispielsweise von seinem Baum Zucker und andere Kohlehydrate erhält. Dabei sind die Pilze nicht gerade zimperlich und der Baum hat dafür zu sorgen, dass der Pilz erhält was er braucht, ob er nun will oder nicht. Bis zu ein Drittel der gesamten Produktion beanspruchen sie für sich und so sind Pilze zu ihrem Vorteil auch in der Lage das Zellwachstum in ihrem Sinne zu regeln.

Für alles was ihnen der Baum gibt, geben sie jedoch auch etwas zurück und so sind sie in der Lage Schwermetalle zu filtern. Diese würden den Baumwurzeln nicht gut tun, machen den Pilzen aber eher weniger aus. Diese Schadstoffe finden wir dann in jedem Spätsommer und Herbst in den Fruchtkörpern, die sich überall über dem Waldboden, für uns deutlich sichtbar bilden. Es ist also nicht verwunderlich, dass das radioaktive Cäsium, welches sich nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 immernoch im Boden befindet, ganz leicht in Pilzen nachweisen lässt.

Pilze können im Zusammenleben mit ihren Bäumen ein stolzes Alter von mehreren Hundert Jahren erreichen. Verändern sich aber die Umwelt- und Luftbedingungen durch stetig ansteigende Schadstoffe, so sind auch sie am Ende ihrer Lebenszeit angelangt. Doch bedeutet das nicht, das mit den Pilzen die Bäume sterben oder andersrum. Die Natur ist so vielfältig und artenreich, dass beide immer wieder in der Lage sind neue Partner zu finden und neue Partnerschaften einzugehen. So gelingt es der Natur ihr Überleben zu sichern…